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Dublin Type 1

Niemand kann einen Klassiker gestalten. Ob eine Schrift zum Klassiker wird, entscheidet allein der Gebrauch über Jahre.

Die FF Meta gibt es jetzt seit fast 20 Jahren, und sie wird immer noch verkauft. Während neue Generationen von Gestaltern immer wieder das entdecken, was die Generation vor ihnen gerade weggeworfen hat, wird eine ehemalige Trendschrift wie Meta nach genügend Zeit und Gebrauch irgendwann zum Standard und damit für Anwendungen frei, die alles andere als modisch sind. So diese Fassadenbeschriftung in Dublin.

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Die große Beschriftung an der Hauswand ist offensichtlich schon etwas älter und handgemacht. Als nun diese Schrift auch für die beiden neueren Schilder über den Läden im Erdgeschoss benutzt werden sollte, haben sich zwei Schriftenmaler daran versucht und sind zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Einer nahm die Meta als Vorlage und hat sie sich recht ordentlich angeeignet; das ist Messrs Maguire auf dem grünen Schild.

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Der andere Schildermaler hat offensichtlich diese erste Kopie zur Vorlage genommen und sie wiederum abgemalt. Dabei hat sich die Schrift noch etwas weiter von der ursprünglichen Vorlage entfernt.
Die Metallbuchstaben sind hingegen nach digitalen Daten angefertigt und recht gut getroffen. Ich weiss nie, ob ich angesichts solcher Anwendungen meiner Schriften lachen oder weinen soll. Auf jeden Fall beweisen sie, dass die Meta keine Designerschrift mehr ist für besonders wertvolle Zwecke. Ein handgemaltes Schild für ein Pub in Dublin macht die Schrift zwar noch nicht zum Klassiker, holt sie aber auf jeden Fall auf den Boden des Alltags. Und da gehört eine Textschrift ja auch hin.

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Dublin Type 2

Die Kunst, farbige Beschriftungen von Hand zu malen oder dreidimensionale Buchstaben in Fassaden zu schneiden oder zu meisseln ist so gut wie ausgestorben. Selbstklebende Plastikbuchstaben haben Schilder ersetzt mit selbsterdachten Buchstaben aus Fantasieschriften, die es in keinem FontBook gibt.

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Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die restlichen handgemachten Schilder auch von den Häusern in Dublin verschwunden sein werden. Diese hier habe ich neulich dort fotografiert.

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Uncialschriften bestimmen den Stil irischer Handschriften seit lange vor Gutenberg. Sie sehen allerdings weniger überzeugend aus, wenn sie allenthalben angewendet werden, wo es um den „echten“ irischen Stil gehen soll. (Übrigens: diese Version der Quay Sans sieht ziemlich merkwürdig aus.) Vielleicht wird es mal Zeit für einen Workshop zur Ermittlung der wirklichen irischen typografischen Identität.

FF Meta Serif 1.0

Im April war ich so leichsinnig gewesen, die Meta Serif anzukündigen. Es hat natürlich länger gedauert, weil der Teufel eben im Detail steckt. Inzwischen ist an verschiedenen Stellen soviel gesagt worden, dass ich nur noch auf die Quellen hinweisen muss:

FF Meta Serif auf Typophile
FF Meta Serif auf I Love Typography
FF Meta Serif auf Chez Porchez,
und ein Artikel mit Hintergrundinformationen:
FF Meta Serif auf Unzipped,
und natürlich FF Meta Serif auf FontShop News.
Am Anfang war – wie immer – das FontBlog:
anmarsch
countdown
vergleich
glyphenposter
welche Meta
gute noten
making of

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Platz sparen!

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Diese Schrift kann viel Platz sparen, weil sie Vokale bei der Eingabe ignoriert. In Notfällen kann man mit der Umschalttaste einen Grossbuchstaben einsetzen, der als Vokal vorhanden ist, allerdings nur in der Kapitälchenform.
Die FF Mt kann man hier kostenlos downloaden.

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Die Belegung der FF Mt.

Gefälschtes Nummernschild

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal die gute, alte, ungelenke, langweilige DIN-Schrift vermissen würde. Seit Jahrzehnten stelle ich mir vor, wie toll das Leitsystem der deutschen Straßen aussehen würde mit einer besseren Schrift.
Als ich vor 22 Jahren mein Auto zuließ, gab es nur die klassischen alten DIN-Nummernschilder. Seit Anfang des Jahres ist mein NSU nun offiziell ein Oldtimer, weil 1977 das erste Mal zugelassen.
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Die offizielle Schrift für unsere Nummernschildern ist inzwischen die FE-Mittelschrift, wobei FE für Fälschungs-Erschwert steht. Jedes Zeichen ist so gestaltet, dass es nicht einfach aus einem anderen abgeleitet werden kann. Autodiebe, Terroristen und Verkehrssünder hatten die geometrische Konstruktion der DIN offensichtlich für sich ausgenutzt, indem sie mit schwarzem Klebeband oder weißer Farbe ein E in ein F verwandelten oder aus einer 8 eine 3 machten und dergleichen mehr.

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Karlgeorg Hoefer hat sein Arbeit gut gemacht: alle Zeichen der FE-Schrift sind so eigen, dass es keine formale Ähnlichkeit zwischen ihnen mehr gibt. Leider ist aber diese Ähnlichkeit eine Voraussetzung für das, was wir als Schrift erkennen. Ohne formale Verwandtschaft ist es eine Ansammlung an Zeichen. Zwar kann niemand mehr aus einem dieser Zeichen ein anderes ableiten, aber dafür sehen alle Zeichen so gefälscht aus, dass keine Polizist erkennen dürfte, wenn jemand ein ganz anderes einsetzen würde.

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Gut, dass die genannten Tätergruppen offensichtlich nicht über genügend typografischen Sachverstand verfügen um sich selber eigene Zeichen für die Nummernschilder zu basteln.

Rotis am Ende?

Die heimliche Hoffnung jedes Schriftentwerfers ist es, seine Schriften jeden Tag und überall in Gebrauch zu sehen. Immerhin ist damit gelegentlich auch der finanzielle Erfolg verbunden, denn hin und wieder zahlen Gestalter und Agenturen doch Lizenzgebühren für Fonts.

Nun ist es mit einer Schrift wie mit einem Popsong: einmal veröffentlicht, darf jede(r) damit umgehen. Wie es ein Schlager aushalten muss, in der Badewanne (oder ihrer öffentlichen Version, dem Karaoke-Club) von jedem gesungen zu werden, so kann sich auch keine Schrift gegen irgendeine Verwendung wehren. Der Vorteil von Allerweltsschriften wie Helvetica ist es, dass sie einerseits wenige besondere Merkmale haben, die sie auffällig machen, aber andererseits so robust, dass sie einigen Missbrauch aushalten.

Anders steht es mit Schriften, die von ihrem Entwerfer mit einem gestalterischen Mehrwert ausgestattet worden sind. Dadurch sind sie auffälliger, schwieriger im Gebrauch und natürlich auch leichter zu beschädigen. Wenn zu diesen Auffälligkeiten noch ein ideologischer Überbau kommt, das Versprechen eines gewissermaßen eingebauten ästhetischen Vorsprungs also, dann ist die Fallhöhe sehr groß.

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Otl Aicher formulierte für seine Rotis nicht nur einen formalen Anspruch jenseits aller bestehenden Schriften, sondern er behauptete gleichzeitig auch höhere Lesbarkeit. Im vorauseilenden Gehorsam nehmen seitdem viele Gestalter und Architekten – von Baumann & Baumann bis Foster und weiter – Rotis für alles und hoffen, dem Gegenstand ihrer Gestaltung allein dadurch einen erhöhten intellektuellen Anspruch zu verleihen. Die meisten Schriftgestalter hingegen halten Rotis für eine Ansammlung schöner Buchstaben, die aber noch keine richtige Textschrift ausmacht.

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Wenn nun ein Laden für „gehobene“ Kücheneinrichtungen sich den Schriftzug in Rotis an die Fassade hängt, soll beim Betrachter eine Nähe zu Herstellern wie Bulthaup provoziert werden, obwohl keine der angebotenen Küchen je in einem der hervorragend gestalteten (und in Rotis gesetzten) Kataloge dieser Firma erscheinen dürfte. Der Auftritt des Schriftzuges ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was ein Gestalter aus der Rotis-Fraktion machen würde: dunkelrote Plastikbuchstaben mit Messingumleimer. Dazu eine kühne und inhaltlich völlig unmotivierte Unterstreichung, die sich ausgerechnet aus dem X nach links und rechts erstreckt. Das alles aus der schrecklichsten Version, der Rotis SemiSerif. Hinter dieser Anordnung und Materialität verschwindet jede Ideologie; es sieht einfach nur scheußlich aus. Endlich ist Rotis in der Normalität angekommen.

Helvetica wird 50

Am 24. März hatte Lars Müller im züricher Museum für Gestaltung eine Veranstaltung organisiert zur Geburtstagsfeier der Helvetica. Diese Schrift wurde als Neue Haas Grotesk geboren und erst Jahre später umgetauft (siehe wie-helvetica-zu-ihrem-namen-kam).

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Eine besondere Freude war es Alfred Hoffmann zu treffen, den ich fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte. Alfred ist der Sohn von Edouard Hoffmann, jenes Mannes, der die Neue Haas Grotesk bei Max Miedinger in Auftrag gab und der mit seiner Idee und den Detailkorrekturen großen Anteil hat am Entwurf der Schrift.

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Nach einer Podiumsdiskussion (u. a. mit David Carson!) gab es die europäische Erstaufführung des Helvetica Films von Gary Hustwit: helveticafilm. Auf der Typo in Berlin wird der Streifen seine deutscher Erstaufführung haben. Er ist sehenswert selbst für Menschen, die nicht unheilbar mit dem Typovirus befallen sind.

Das kommt mir griechisch vor…

Neben der Arbeit an neuen Schriften geht der Ausbau meiner bestehenden Schriftfamilien weiter. OpenType bietet die Möglichkeit, neben dem lateinischen auch andere Alphabete darzustellen. Meta gibt es schon lange auch mit griechischem und kyrillischem Zeichensatz. Nicht jedoch spätere Ergänzungen wie MetaHeadline oder MetaLight.
Nun haben zwei Schriftentwerferinnen in Athen den ersten Schnitt geschafft, MetaLight Greek. Thin und Hairline werden folgen.
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MetaSerif

Hier das erste öffentliche Muster der neuen Antiqua. Gildet alles noch nicht, aber der Gesamteindruck wird so bleiben. Eine kräftige Werksatzschrift, die in Strichstärke und Mittellänge auf MetaSans abgestimmt ist.
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Reich werden durch Schriftentwurf?

Beim Aufräumen (ich suche nach meinen alten Skizzen für Officina) fiel mir der erste Scheck in die Hände, den mir ITC im Sommer 1991 geschickt hatte. ITC Officina war im November 1990 offiziell vorgestellt worden, nachdem ich die Daten bereits 1989 abgeliefert hatte. Bei einem ITC Typeface Review Board Meeting am 21. Januar 1988 hatte ich mein Konzept so vorgestellt:

„My favourite idea = a correspondence face, on the same lines of thinking as Stone Informal; a face for business correspondence that reads better while taking up less space than Courier or Pica, but still doesn’t look too much like a proper “designed” typeface – because once you’re using a real typeface, the whole page wants to be laid-out, to be designed. A business letter, an estimate, an invoice should be more neutral, not making a comment about its content. So we need something between Courier and American Typewriter, again perhaps both with and without serifs. Also the present versions of Courier and Letter Gothic available for LaserWriters by Adobe and Bitstream are too light to withstand more than one copy stage (ITC Officina).


Den Namen hatte ich also auch schon im Kopf. Leider fehlt mir die Vorlage, die ich aufgrund dieses Vorschlages dann machte. Aber die finden wir vielleicht noch und veröffentlichen sie dann im nächsten Teil der typografischen Quellenforschung.
Der erste Scheck belief sich auf unglaubliche ein Dollar und neun Cents. Da die Gebühren wesentlich höher geworden wären, habe ich ihn nie eingelöst. ITC Officina ist immer noch der Bestseller der ganzen Bibliothek. Auch wenn die Lizenzbeträge etwas höher ausfallen heute – davon leben könnte ich beileibe nicht.

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