Gutenberg Preis 2026

Gutenberg-Preis 2026, 2. Pressemeldung, 18.05.2026

Die Hand ist das Fenster zum Geist: Mainz ehrt Erik Spiekermann mit dem Gutenberg-Preis 2026

Er entwickelte das Leitsystem der Berliner Verkehrsbetriebe, entwarf Schriften und Corporate-Design-Systeme für Unternehmen wie Bosch, Cisco oder Boehringer Ingelheim und prägte Medienmarken wie The Economist, Le Monde diplomatique oder das ZDF. Seine Arbeiten begegnen Millionen Menschen täglich – oft unbemerkt, aber hochwirksam: Erik Spiekermann gehört zu den prägendsten Typografen und Gestaltern Europas. Seit Jahren arbeitet Spiekermann zudem daran, traditionelle Buchdruckverfahren für das digitale Zeitalter neu nutzbar zu machen.

Im Jubiläumsjahr „125 Jahre Gutenberg-Museum und Gutenberg-Gesellschaft“ wird Spiekermann am 20. Juni 2026 in Mainz mit dem Gutenberg-Preis ausgezeichnet. Vergeben wird der Preis von der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz und der Stadt Mainz. Die Laudatio hält die Verlegerin und ehemalige Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs.

„Mit Erik Spiekermann ehren wir einen Gestalter, der unsere visuelle Kultur über Jahrzehnte geprägt hat“, erklärt der Mainzer Oberbürgermeister und Präsident der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft, Nino Haase. „Er hat nicht nur Schriften entworfen, sondern Orientierung geschaffen – im öffentlichen Raum ebenso wie im digitalen Alltag. In einer Zeit, in der Informationen immer schneller und unübersichtlicher werden, zeigt sein Werk eindrucksvoll, dass gute Gestaltung Verständlichkeit, Teilhabe und kulturelle Identität ermöglicht.“

„1901 in Mainz gegründet, ist die Internationale Gutenberg-Gesellschaft längst eng mit der Geschichte dieser Stadt verwoben und ihr Jahrbuch hält das Erbe Gutenbergs auch in der akademischen Welt wach“, betont Prof. Dr. Gerhard Lauer, Vizepräsident der Gutenberg-Gesellschaft und Herausgeber des jährlich erscheinenden Gutenberg-Jahrbuchs.

In Fachkreisen gilt Spiekermann seit Jahrzehnten als Ausnahmefigur, manchen als eine Art Pop-Star – als Gestalter, Unternehmer, Schriftentwickler und Vermittler. Seine berühmte Schrift FF Meta entstand ursprünglich für die Deutsche Bundespost und wurde später weltweit zu einem Klassiker der digitalen Typografie – vielfach als „Helvetica der 1990er Jahre“ bezeichnet.

Der Dezernent für Bauen, Denkmalpflege und historisches Erbe, Ludwig Holle, hält die Auszeichnung Spiekermanns mit dem Gutenberg-Preis deshalb für „längst überfällig“: „Die von Erik Spiekermann entworfene Meta prägt das Erscheinungsbild der Landeshauptstadt Mainz bereits seit 2008. Auch städtische Gesellschaften wie der Entsorgungs- und der Wirtschaftsbetrieb nutzen sie bis heute. Sie zeigt ganz anschaulich, dass er Gestaltung nie als Selbstzweck, sondern als kulturelle Infrastruktur versteht.“

Die Ehrung Spiekermanns wirkt gerade jetzt bemerkenswert aktuell. Während Künstliche Intelligenz täglich neue Bilder und Texte produziert und digitale Räume immer unübersichtlicher werden, rückt eine Frage ins Zentrum: Wie entsteht Orientierung? Spiekermanns Werk zeigt exemplarisch, wie stark Typografie Gesellschaft prägt – indem sie Information strukturiert, Lesbarkeit schafft und Menschen durch analoge wie digitale Räume führt.

Dr. Ulf Sölter, Direktor des Gutenberg-Museums und Vorstandsmitglied der Gutenberg-Gesellschaft, verweist zudem auf die besondere Verbindung der Preisverleihung mit dem Jubiläumsjahr des Hauses: „Das Gutenberg-Museum feiert 2026 sein 125-jähriges Bestehen – als eines der weltweit bedeutendsten Museen der Buch-, Druck- und Schriftkultur. Mit Erik Spiekermann ehren wir nicht allein einen der einflussreichsten Typografen Europas, sondern einen Gestalter, der das Gutenbergsche Erbe konsequent in die Gegenwart weitergedacht hat. Spiekermann ist es gelungen, analoge Drucktechniken mit digitalen Technologien durch kluge Innovation in Verbindung zu bringen. Damit steht er ganz in der Tradition des großen Mainzer Erfinders Johannes Gutenberg.“

Tatsächlich versteht Erik Spiekermann seine Arbeit heute zunehmend als bewussten Gegenentwurf zur Entmaterialisierung digitaler Kommunikation. Mit seinem Projekt „Hacking Gutenberg“ verbindet er traditionelle Hochdruck­verfahren mit computergestütztem Satz und neuer Produktionstechnologie. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er einen weltweit einzigartigen Laserbelichter, der klassische Hochdruckverfahren mit den gestalterischen Möglichkeiten digitaler Typografie verbindet und damit den Letterpress-Druck für zeitgenössische Anwendungen neu erschlossen hat.

Für Spiekermann selbst liegt die Aktualität Gutenbergs heute gerade in der Rückkehr zum Analogen. „Hacking Gutenberg und die Hinwendung zum Haptischen sehe ich als Zukunftsaufgabe“, erklärt der Typograf und Buchdrucker. „Die Hand ist das Fenster zum Geist! Wir erleben gerade den Anfang vom Ende der Social Media – und darin liegt eine Chance für gedruckte Medien.“

Eine neue, alte Schrift

Die originale 16p Akzidenz Grotesk Serie 57 im Setzkasten in der p98a Werkstatt


Diese neue Schrift ist kein Revival und keine Überarbeitung einer alten Type. Sie ist eine Entdeckung – oder vielmehr eine Neu-Entdeckung. Ich kannte natürlich die AG 57 aus den Berthold Schriftproben und wusste, dass die Schnitte ab 14 Punkt anders aussahen als die kleineren Textgrade, die es auch für die Linotype gab. Aber ich hatte mir nie Gedanken über den Entstehungsprozess gemacht, obwohl 1957 doch so ein wichtiges Jahr war für die Typografie: Helvetica, Univers! 

Zwar wissen wir auch, dass die erste Veröffentlichung einer Bleisatzschrift selten den Beginn noch das Ende eines jahrelangen Entwicklung bezeichnet, aber es gab sicherlich einen Grund, warum Günter Gerhard Lange genau diese Jahreszahl für den Schriftnamen gewählt hatte. Die Textgrade für den Maschinensatz wurden in den Formen nicht geändert, sondern nur in den Dickten an das Linotype-System angepasst. Sie standen dann auch schon 1957 zur Verfügung und konnten mit den Handsatztypen der anderen Akzidenz Grotesk Schnitte kombiniert werden. Aber der Zeitgeist wollte mehr Ordnung: die Mitglieder der AG Familie waren untereinander nicht abgestimmt, sondern im Laufe der Jahrzehnte zueinander gekommen. Adrian Frutigers Univers hingegen war ein System: aufgeräumt, umfassend, modern, während die Neue Haas Grotesk 1957 zwar noch nicht Helvetica hieß, aber angetreten war, die Dominanz der AG zu beenden. 

Doppelseite aus einer Berthold Schriftprobe


1959 dann erschienen die Grade der AG 57 von 14 bis 48 Punkt. GGL hatte den Zeitgeist eingefangen und das jüngste Kind der Familie aufgeräumt, geglättet, vereinfacht. Leider wurde daraus keine komplette Schriftfamilie. Bis wir in einem falsch beschrifteten Setzkasten die AG 57 in 16, 20 und 28 Punkt entdeckten. 

Die neue Serie57® ist kein Revival, sondern eine neue digitale Schrift. Sie ist unsere Referenz an Günter Gerhard Lange, meinen Lehrer und mein Vorbild. 

Wir haben eine 64-seitige Broschüre gedruckt, vierfarbig mit Silber (!), welche die Arbeit an der neuen, alten Schrift beschreibt, von der ersten digitalen Version bis zur kompletten Familie. Die Broschüre kann hier bestellt werden. Auf Alex Roths Website wird die Familie umfassend dargestellt, dort gibt es auch Probefonts für den Download.

Unser Freund Stefan Nitzsche hat dazu ein kurzes Video gemacht.

Meine Werkstatt braucht Hilfe!

Meine typografische Werkstatt Hacking Gutenberg braucht Unterstützung. Nach mehr als einem Jahr ohne nennenswerte Einnahmen (keine Workshops!) bin ich kurz vor der Schließung. Ich müsste Maschinen und Schriften verkaufen, MitarbeiterInnen entlassen, die seit 2014 den Laden zusammenhalten und eine große Sammlung typografischer Schätze auseinander reißen.
Wir sind eine gemeinnützige Stiftung – Erik Spiekermann Foundation gGmbH – und jeder Beitrag ist sofort steuerlich absetzbar.
Unsere Werkstatt ist einzigartig. Wir haben eine Sammlung historischer Maschinen und Schriften wie ein Museum, aber keine „Nicht berühren“ Schilder – alles ist benutzbar. Wir beschränken uns nicht auf das Sammeln, sondern entwickeln neue Methoden und Techniken um den Buchdruck (heute Letterpress) mit Druckschriften aus Metall oder anderen Materialien in die digitale Gegenwart zu bringen. Wir nennen es Postdigital Printing.
Wenn Sie ein Verlag sind, ein Softwareunternehmen oder eine sonstwie kulturell engagierte Institution, dann sollten Sie ein Interesse daran haben, einen Ort wie p98a zu erhalten. Wir reden nicht von Millionen, sondern von einem überschaubaren Betrag für die Miete und zwei Angestellte. 
Für Einzelheiten, Ideen, Lösungen und weitere Auskünfte bin ich zu erreichen: erik@p98a.com

Und lesen Sie diesen Artikel: https://lnkd.in/dKCD6wi 

#printing #letterpress #typography #publishing #postdigitalprinting

Handwerk

Der Ansporn für gutes Handwerk ist der menschliche Drang, etwas um seiner selbst willen zu machen, es so gut wie möglich zu machen.

Handwerks geht weit über die handwerkliche Arbeit hinaus; der Computerprogrammierer, der Arzt, die Eltern und der Bürger müssen den Wert guten Handwerks schätzen lernen. Das Ergebnis körperlicher Arbeit, die Beschäftigung mit Gegenständen, die durch viele Hände gegangen sind, ist von seinem Prozess durchdrungen. Es enthält eine Botschaft, die über die rein praktische Anwendung hinausgeht.

Wir haben dafür das wunderbare Wort „begreifen“. Ohne unsere Hände funktioniert auch unser Gehirn nicht richtig. Bei p98a nennen wir unser Handwerk Post-Digital Printing oder Hacking Gutenberg.

Erhalt durch Produktion.

Die digitale Druckvorstufe ermöglicht es uns, alte Gerätschaften, die uns mit unserem industriellen und kulturellen Erbe verbinden, produktiv zu nutzen. Neben der Pflege alter Hardware müssen wir auch Fachwissen und Berufe erhalten, die sonst vom Aussterben bedroht sind. Viele der alten Maschinen und Verfahren gibt es noch, sie sind funktionstüchtig und werden uns wahrscheinlich alle überleben, aber sie für kommerzielle Projekte zu nutzen, ist schwierig. Die Teilnahme an einem unserer Workshops in Berlin bringt uns die Grundlagen des Designprozesses wieder nahe; man wird feststellen, dass Entschleunigung Spaß macht, dass Sachzwänge entspannend sein können und dass der Umgang mit den Händen eine Fähigkeit ist, die wir vielleicht vergessen haben, aber schnell wieder schätzen werden.

An Workshops bei p98a können bis zu zwölf Teilnehmern gleichzeitig teilnehmen. Vorkenntnisse sind nicht nötig, erhöhen aber den Nutzen.

Hacking Gutenberg

Für die Awayzgoose Veranstaltung des Hamilton WoodType Museums in Wisconsin habe ich ein Video gemacht, das Werkzeuge und Arbeitsweisen bei p98a vorstellt. Dafür hatte ich mich eingekleidet als etwas nerdiger deutscher Wissenschaftler im weißen Kittel.

Wir drucken den Krautreporter

Krautreporter ist ein digitales Magazin, unabhängig und werbefrei, ermöglicht ausschließlich von tausenden Mitgliedern. 

Alles online, jeden Morgen frisch. Dazu viele gut recherchierte Geschichten (heute „long reads“ genannt), die an Aktualität nichts einbüßen, leider aber schnell vom Bildschirm verschwinden. So praktisch es ist, kein Altpapier zu erzeugen, so wenig ergibt sich die Überraschung wie beim Zeitunglesen, dass man einen Artikel findet, nach dem man nicht gesucht hatte und von dem man nicht wusste, dass er einen interessiert. Aktuelle Nachrichten auf Papier mögen überflüssig sein, aber alles mit einem längeren Halbzeitwert lässt sich gedruckt besser lesen. Nicht alle Krautreporter Mitglieder sind davon überzeugt, dass es noch bedrucktes Papier braucht, aber einige tausend von ihnen schickten ihre Postanschrift auf die Ankündigung, dass wir eine Ausgabe drucken wollten – auf Zeitungspapier, unpraktisch, viel zu groß und beim Erscheinen überholt.

Unsere Motivation für dieses völlig verrückte und überflüssige Vorhaben war es, die riesige Johannisberger Schnellpresse von 1924 nach ihrer Überholung an einem richtigen Produkt zu testen. Ich schlug den Freunden bei Krautreporter vor, wenigstens einmal ein Riesenblatt zu drucken und zu meiner Überraschung sagten sie sofort und begeistert zu. Die Geschichte ist hier aufgeschrieben.

Neben der Johannisberger, die Papier bis zu 130×96cm bedrucken kann, haben wir bei den Lettertypen noch etliche andere alte Buchdruckmaschinen, vor allem einen Heidelberger Zylinder. Da es weder technisch noch finanziell tragbar ist, wie im klassischen Buchdruck von originalen Bleischriften zu drucken, haben wir uns einen Laserbelichter gebaut. Damit können wir Druckplatten aus Polymer direkt von Daten belichten, ohne den Umweg über ein fotografisches Negativ, wie das mit dem Nyloprint-Verfahren schon lange möglich ist. Für den Suhrkamp Verlag haben wir auf diesem Weg sieben Bücher gedruckt, die Edition Letterpress, gewissermaßen als „proof-of-concept“.

Um zu zeigen, was in der alten Maschine steckt, wollten wir die Papiergröße ausreizen und wählten das klassische Nordische Format von 44×57cm, in dem bis heute u. a. noch die FAZ erscheint. Ein Bogen mit vier Seiten ist dann 88×114cm groß. Doppelseitig bedruckt ergibt das acht Seiten. Wenn man diesen Bogen in die Hand nimmt, muss man schon die Arme ausbreiten. Nicht praktisch, aber das genaue Gegenteil eines Handy-Bildschirmes. Und darum ging es ja.

Die Entstehungsgeschichte dieses Projektes gibt es nachzulesen, natürlich auf Krautreporter. Es hat alles viel länger gedauert, als wir dachten, von den Kosten ganz zu schweigen. Aber das Motto bei p98a, unserer typografischen Werkstatt, ist „Erhalt durch Produktion“. Was nützt es, wenn die ohnehin unzerstörbaren Maschinen im Museum stehen, abgesperrt mit dem Hinweis „Bitte nicht berühren“? Bald sind alle Fachleute tot, die noch wissen, wie man sie bedient. Im Umgang mit der technischen Geschichte im Lande Gutenbergs sind die Fertigkeiten und das Handwerk mindestens ebenso wichtig wie der Erhalt der Hardware. Also drucken wir im Buchdruck, lassen Schriften aus Blei gießen, schneiden große Buchstaben aus Holz und erwecken alte Maschinen zu neuem Leben. In der täglichen Produktion erfahren wir dann, wie sie funktionieren und warum. Finanziellen Gewinn erwarten wir nicht, aber wir produzieren trotzdem nach kommerziellen Gesichtspunkten, weil alles andere Augenwischerei wäre. Wir sind keine Bilderstürmer oder Romantiker, deshalb bauen wir digitale Laserbelichter und experimentieren mit allen möglichen neuen Prozessen und Werkstoffen.

Der gedruckte Krautreporter, für den Versand als Streifbandzeitung gefaltet.

Der Film zeigt Daniel Klotz, der das letzte halbe Jahr damit zugebracht hat, die Johannisberger zu bezwingen und auf ihr den Krautreporter zu produzieren. Wir haben insgesamt 6000 Blatt gedruckt, beidseitig, zusätzlich rot auf einer Seite, also insgesamt 18.000 Drucke. Unser Freund und Kollege Sebastian, gelernter Offsetdrucker, hat geholfen, wann immer er Zeit fand.

Zurück zur Basis – warum das Alte wieder neu ist

Schon immer haben Grafik-Designer keine handwerklichen Mühen gescheut, eine Botschaft in Kommunikation zu wandeln. Wir haben Stunden auf der Suche nach der passenden Schrift verbracht, uns in winzigen Schritten der richtigen Größe genähert und dann versucht, in riesigen OpenType Fonts die vielen hundert alternativen Zeichen, Ligaturen und inhaltsbezogenen Formen zu finden und einzusetzen.
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Die Druckwerkstatt p98a in der Potsdamer Straße 98a (!) in Berlin

Und nun ist der Buchdruck wieder da, natürlich eingedeutscht als »Letterpress«. Plötzlich haben wir kein Problem damit, ein kleines l anstatt einer 1 einzusetzen, weil die gewählte Schrift nicht genügend Ziffern hat. Was geht ab? Holzschriften sind eine Katastrophe, wenn man bestimmte Zeichenpaare unterschneiden will, weil man wirklich Teile der Buchstaben mit der Säge wegschneiden muss, unwiderruflich, nur um einigermaßen guten Ausgleich zu haben. Es gibt keine halben Größen und den Buchstabenabstand kann man auch nicht fein justieren, es sei denn, man verbringt viel Zeit damit, feine Messing- oder Papierschnipsel auf eine Zeile zu verteilen, bis sie einigermaßen gleichmäßig erscheint. Das Material bestimmt nicht nur wesentlich die Arbeitsweise, sondern auch das Ergebnis. Wenn man eine bestimmte Plakatschrift nur in einer Größe hat, gehen einem schnell einzelne Zeichen aus. Also nimmt man eine kleinere Schriftgröße, weil es in der mehr von jedem Zeichen gibt. Oder man nimmt gleich eine ganz andere Schrift. Wenn das auch nicht hilft, muss man eben den Text ändern.

Das typografische System von horizontalen und vertikalen Bausteinen – Buchstaben, Zeichen, Zwischenräume – ist immer mehr verfeinert worden, seit Gutenberg das Drucken von beweglichen Lettern vor fast 600 Jahren erfunden hat. Es ist ein gigantisches Rastersystem, das unendlich oft dividiert, multipliziert und addiert werden kann. Gesetzte Seiten sehen eigentlich immer gut aus, wenn man sich an die technischen Beschränkungen hält, also »systemimmanent« arbeitet. Die Zeit ist einer dieser Parameter. Wenn man zuviel Zeit damit verbringt, das mechanische, aber feinfühlige System zu überlisten, wird das Ergebnis bemüht und unangemessen aussehen. Bescheidenheit ist eine Tugend, wenn man mit gut durchdachten, aber endlichen Elementen und Werkzeugen arbeitet.
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Das Material

Man sollte wissen, was Quadraten sind, Regletten, Stege, Ausschluss. Mit dem Winkelhaken muss man umgehen können und mit Ahle und Pinzette. Schließrahmen, Schließzeuge, Satzschiffe, Zeilensägen sind genauso erforderlich wie Schraubenschlüssel, Schraubendreher, Hammer und hin und wieder ein Hubwagen, der zwei Tonnen bewegen kann. Es gibt Schmutzlappen und blütenreines Papier, Druckfarben, Walzenwaschmittel, Petroleum, Öl und Maschinenfett. Man wird herausfinden, dass die Arbeit erst beendigt ist, wenn hinterher alle diese Dinge wieder an ihrem richtigen Platz sind und dass Aufräumen fast genauso lange dauert wie die eigentliche Arbeit, aber viel weniger Spaß macht. Alles, was man anfasst, ist entweder sehr schwer oder sehr empfindlich. Oder beides.

Man findet nie die genau richtige Schriftgröße, hat nie genug Buchstaben und das Papier geht immer aus, wenn man gerade die letzten paar Bogen drucken will. Am Wochenende. Fehler werden bestraft durch Verlust an Material und damit, dass man zu viel Zeit in der Werkstatt zubringt. Aber dafür gibt es nichts Schöneres, als eine Form einzurichten aus Blei, Aluminium, Messing, Eisen und Holz, die sehr unordentlich aussieht, weil diese Materialien oft sehr lange in Gebrauch waren und unterschiedlich gealtert sind. Aber dann nimmt man ein jüngferliches Blatt Papier in die schmutzigen Hände und lässt es durch die Presse über diese bunte Form laufen. Plötzlich und ganz wundersam erscheint eine Botschaft: Worte auf Papier, genau da, wo du sie haben wolltest.

Du alleine weisst, welche Arbeit es war, diese Botschaft aufzubauen und welches Material dazu gehört, vor allem das zwischen den Buchstaben und Zeilen. Hier gibt es keine Löschtaste, keine Tabulatoren: der Weißraum ist keiner. Die Leserin weiß das alles nicht und muss es auch nicht wissen. Aber sie spürt, dass diese Botschaft das Ergebnis ist von körperlicher Arbeit, aus Gegenständen gebaut, die viele Hände angefasst haben. Der Prozess teilt sich im Ergebnis mit. Er steht der Botschaft nicht im Wege, sondern er edelt sie.

Fotos: Norman Posselt

Buchdruck Workshops bei Galerie P98a

Die Menschen, die an unseren Workshops teilnehmen, haben oft ihr bisheriges Arbeitsleben vor Bildschirmen verbracht, entfremdet von den Wörtern, die sie in Szene setzen sollen. In einer Buchdruckwerkstatt müssen sie diese Wörter anfassen und mit dem Material arbeiten, das seit mehr als 500 Jahren Grundlage unserer schriftlichen Kultur ist. Das ist keine rückwärtsgewandte Freizeitgestaltung, sondern Besinnung auf das menschliche Maß, auf ein Handwerk, dessen Abläufe und Ergebnisse sichtbar und nachvollziehbar sind. Auch die Langsamkeit müssen wir neu lernen und die Tatsache, dass die Arbeit erst beendet ist, wenn ihre Spuren beseitigt sind. Keine Taste ersetzt das Aufräumen, Ablegen, Putzen. Der Umgang mit knappem Material schärft unsere Sinne für Nachhaltigkeit. Ohne Planung und Einsicht in einige unabänderliche mechanische Bedingungen gibt es kein Ergebnis.

Eine Liste der geplanten Termine gibt es auf spiekerstuff (alles auf Englisch aus Rücksichtnahme auf unsere vielen Kollegen aus dem Ausland). Von dort oder direkt geht es zu Eventbrite, wo man Workshops buchen kann und auch die Zahlen findet.

Die Kollegen von Construct London beim Workshop

Adrian Frutiger RIP

Diesen Nachruf habe ich heute morgen geschrieben. Er wird leicht redigiert am Montag, den 14. 09. in der Süddeutschen Zeitung erscheinen.

Adrian Frutiger, Schriftgestalter.
* 24. Mai 1928 in Unterseen bei Interlaken;
† 10. September 2015 in Bremgarten bei Bern

Schriftentwerfer kennt man nicht, so wenig, wie man den Müller kennt, der das Mehl gemahlen hat, aus dem das Brot gebacken ist, das wir täglich essen. Auch Schrift gebrauchen wir täglich, mehr noch als Brot. Adrian Frutigers Schriften kennen wir alle, seinen Namen kaum jemand: die Schilder am Münchner Flughafen sind aus seiner Schrift Univers gesetzt, die schon 1957 entworfen worden war, als erste Schrift überhaupt in einem System angelegt von 21 miteinander harmonierenden Schnitten. Im Ausland wurde die Univers nicht so schnell angenommen wie ihre schweizerische Halbschwester Helvetica, die im gleichen Jahr erschienen war. Aber spätestens zur Olympiade in München 1972 wurde sie schlagartig allen Gestaltern weltweit bekannt. Otl Aicher hatte mit seinem Team ein Erscheinungsbild entwickelt, in dem die Univers eine zentrale Rolle spielte.

Für den Pariser Flughafen Roissy (heute De Gaulle) hatte er Anfang der 70er Jahre das Leitsystem entwickelt und dabei beobachtet, dass seine Univers doch nicht optimal für solche Zwecke geeignet war. Also zeichnete er eine neue Schrift, die Frutiger heisst. Er schrieb selber dazu:
»Mein Meisterstück ist die Univers, aber meine Lieblingsschrift bleibt ehrlich gesagt die originale Frutiger. Wahrscheinlich ist es die Schrift, die in der Mitte der Schriftenlandschaft steht. Es ist wie ein Nagel, der eingeschlagen wird, an den man alles anbinden kann. Sie entspricht am ehesten meinem inneren Bild.«

Adrian Frutigers Methode, mit der Schere aus schwarzem Papier Formen zu schneiden und diese dann zu Buchstaben und Zeichen zusammenzusetzen, geht nach seinem eigenen Bekenntnis auf die Tradition seiner Heimat Interlaken zurück. Sie hat ihm das beste Werkzeug an die Hand gegeben, sein untrügliches Gefühl für Innen- und Aussenform, für Rhythmus, Kontrast, Spannung und Regelmässigkeiten in Formen umzusetzen, die mehr sind als alphanumerische Zeichen. Er hat einmal gesagt, dass er zwischen Architektur oder Bildhauerei schwankte, aber dann herausfand, dass Schriftentwerfen beides vereint.

Er steht neben Namen wie Garamond, Caslon, Bodoni, Renner, Gill, Meier und Zapf als ein Schriftgestalter, der eine ganze Epoche in Buchstaben ausgedrückt und festgehalten hat.

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