Zurück zur Basis – warum das Alte wieder neu ist

Schon immer haben Grafik-Designer keine handwerklichen Mühen gescheut, eine Botschaft in Kommunikation zu wandeln. Wir haben Stunden auf der Suche nach der passenden Schrift verbracht, uns in winzigen Schritten der richtigen Größe genähert und dann versucht, in riesigen OpenType Fonts die vielen hundert alternativen Zeichen, Ligaturen und inhaltsbezogenen Formen zu finden und einzusetzen.
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Die Druckwerkstatt p98a in der Potsdamer Straße 98a (!) in Berlin

Und nun ist der Buchdruck wieder da, natürlich eingedeutscht als »Letterpress«. Plötzlich haben wir kein Problem damit, ein kleines l anstatt einer 1 einzusetzen, weil die gewählte Schrift nicht genügend Ziffern hat. Was geht ab? Holzschriften sind eine Katastrophe, wenn man bestimmte Zeichenpaare unterschneiden will, weil man wirklich Teile der Buchstaben mit der Säge wegschneiden muss, unwiderruflich, nur um einigermaßen guten Ausgleich zu haben. Es gibt keine halben Größen und den Buchstabenabstand kann man auch nicht fein justieren, es sei denn, man verbringt viel Zeit damit, feine Messing- oder Papierschnipsel auf eine Zeile zu verteilen, bis sie einigermaßen gleichmäßig erscheint. Das Material bestimmt nicht nur wesentlich die Arbeitsweise, sondern auch das Ergebnis. Wenn man eine bestimmte Plakatschrift nur in einer Größe hat, gehen einem schnell einzelne Zeichen aus. Also nimmt man eine kleinere Schriftgröße, weil es in der mehr von jedem Zeichen gibt. Oder man nimmt gleich eine ganz andere Schrift. Wenn das auch nicht hilft, muss man eben den Text ändern.

Das typografische System von horizontalen und vertikalen Bausteinen – Buchstaben, Zeichen, Zwischenräume – ist immer mehr verfeinert worden, seit Gutenberg das Drucken von beweglichen Lettern vor fast 600 Jahren erfunden hat. Es ist ein gigantisches Rastersystem, das unendlich oft dividiert, multipliziert und addiert werden kann. Gesetzte Seiten sehen eigentlich immer gut aus, wenn man sich an die technischen Beschränkungen hält, also »systemimmanent« arbeitet. Die Zeit ist einer dieser Parameter. Wenn man zuviel Zeit damit verbringt, das mechanische, aber feinfühlige System zu überlisten, wird das Ergebnis bemüht und unangemessen aussehen. Bescheidenheit ist eine Tugend, wenn man mit gut durchdachten, aber endlichen Elementen und Werkzeugen arbeitet.
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Das Material

Man sollte wissen, was Quadraten sind, Regletten, Stege, Ausschluss. Mit dem Winkelhaken muss man umgehen können und mit Ahle und Pinzette. Schließrahmen, Schließzeuge, Satzschiffe, Zeilensägen sind genauso erforderlich wie Schraubenschlüssel, Schraubendreher, Hammer und hin und wieder ein Hubwagen, der zwei Tonnen bewegen kann. Es gibt Schmutzlappen und blütenreines Papier, Druckfarben, Walzenwaschmittel, Petroleum, Öl und Maschinenfett. Man wird herausfinden, dass die Arbeit erst beendigt ist, wenn hinterher alle diese Dinge wieder an ihrem richtigen Platz sind und dass Aufräumen fast genauso lange dauert wie die eigentliche Arbeit, aber viel weniger Spaß macht. Alles, was man anfasst, ist entweder sehr schwer oder sehr empfindlich. Oder beides.

Man findet nie die genau richtige Schriftgröße, hat nie genug Buchstaben und das Papier geht immer aus, wenn man gerade die letzten paar Bogen drucken will. Am Wochenende. Fehler werden bestraft durch Verlust an Material und damit, dass man zu viel Zeit in der Werkstatt zubringt. Aber dafür gibt es nichts Schöneres, als eine Form einzurichten aus Blei, Aluminium, Messing, Eisen und Holz, die sehr unordentlich aussieht, weil diese Materialien oft sehr lange in Gebrauch waren und unterschiedlich gealtert sind. Aber dann nimmt man ein jüngferliches Blatt Papier in die schmutzigen Hände und lässt es durch die Presse über diese bunte Form laufen. Plötzlich und ganz wundersam erscheint eine Botschaft: Worte auf Papier, genau da, wo du sie haben wolltest.

Du alleine weisst, welche Arbeit es war, diese Botschaft aufzubauen und welches Material dazu gehört, vor allem das zwischen den Buchstaben und Zeilen. Hier gibt es keine Löschtaste, keine Tabulatoren: der Weißraum ist keiner. Die Leserin weiß das alles nicht und muss es auch nicht wissen. Aber sie spürt, dass diese Botschaft das Ergebnis ist von körperlicher Arbeit, aus Gegenständen gebaut, die viele Hände angefasst haben. Der Prozess teilt sich im Ergebnis mit. Er steht der Botschaft nicht im Wege, sondern er edelt sie.

Fotos: Norman Posselt

Buchdruck Workshops bei Galerie P98a

Die Menschen, die an unseren Workshops teilnehmen, haben oft ihr bisheriges Arbeitsleben vor Bildschirmen verbracht, entfremdet von den Wörtern, die sie in Szene setzen sollen. In einer Buchdruckwerkstatt müssen sie diese Wörter anfassen und mit dem Material arbeiten, das seit mehr als 500 Jahren Grundlage unserer schriftlichen Kultur ist. Das ist keine rückwärtsgewandte Freizeitgestaltung, sondern Besinnung auf das menschliche Maß, auf ein Handwerk, dessen Abläufe und Ergebnisse sichtbar und nachvollziehbar sind. Auch die Langsamkeit müssen wir neu lernen und die Tatsache, dass die Arbeit erst beendet ist, wenn ihre Spuren beseitigt sind. Keine Taste ersetzt das Aufräumen, Ablegen, Putzen. Der Umgang mit knappem Material schärft unsere Sinne für Nachhaltigkeit. Ohne Planung und Einsicht in einige unabänderliche mechanische Bedingungen gibt es kein Ergebnis.

Eine Liste der geplanten Termine gibt es auf spiekerstuff (alles auf Englisch aus Rücksichtnahme auf unsere vielen Kollegen aus dem Ausland). Von dort oder direkt geht es zu Eventbrite, wo man Workshops buchen kann und auch die Zahlen findet.

Designers from Construct London at P98a

Kollegen von Construct London bei P98a

Adrian Frutiger RIP

Diesen Nachruf habe ich heute morgen geschrieben. Er wird leicht redigiert am Montag, den 14. 09. in der Süddeutschen Zeitung erscheinen.

Adrian Frutiger, Schriftgestalter.
* 24. Mai 1928 in Unterseen bei Interlaken;
† 10. September 2015 in Bremgarten bei Bern

Schriftentwerfer kennt man nicht, so wenig, wie man den Müller kennt, der das Mehl gemahlen hat, aus dem das Brot gebacken ist, das wir täglich essen. Auch Schrift gebrauchen wir täglich, mehr noch als Brot. Adrian Frutigers Schriften kennen wir alle, seinen Namen kaum jemand: die Schilder am Münchner Flughafen sind aus seiner Schrift Univers gesetzt, die schon 1957 entworfen worden war, als erste Schrift überhaupt in einem System angelegt von 21 miteinander harmonierenden Schnitten. Im Ausland wurde die Univers nicht so schnell angenommen wie ihre schweizerische Halbschwester Helvetica, die im gleichen Jahr erschienen war. Aber spätestens zur Olympiade in München 1972 wurde sie schlagartig allen Gestaltern weltweit bekannt. Otl Aicher hatte mit seinem Team ein Erscheinungsbild entwickelt, in dem die Univers eine zentrale Rolle spielte.

Für den Pariser Flughafen Roissy (heute De Gaulle) hatte er Anfang der 70er Jahre das Leitsystem entwickelt und dabei beobachtet, dass seine Univers doch nicht optimal für solche Zwecke geeignet war. Also zeichnete er eine neue Schrift, die Frutiger heisst. Er schrieb selber dazu:
»Mein Meisterstück ist die Univers, aber meine Lieblingsschrift bleibt ehrlich gesagt die originale Frutiger. Wahrscheinlich ist es die Schrift, die in der Mitte der Schriftenlandschaft steht. Es ist wie ein Nagel, der eingeschlagen wird, an den man alles anbinden kann. Sie entspricht am ehesten meinem inneren Bild.«

Adrian Frutigers Methode, mit der Schere aus schwarzem Papier Formen zu schneiden und diese dann zu Buchstaben und Zeichen zusammenzusetzen, geht nach seinem eigenen Bekenntnis auf die Tradition seiner Heimat Interlaken zurück. Sie hat ihm das beste Werkzeug an die Hand gegeben, sein untrügliches Gefühl für Innen- und Aussenform, für Rhythmus, Kontrast, Spannung und Regelmässigkeiten in Formen umzusetzen, die mehr sind als alphanumerische Zeichen. Er hat einmal gesagt, dass er zwischen Architektur oder Bildhauerei schwankte, aber dann herausfand, dass Schriftentwerfen beides vereint.

Er steht neben Namen wie Garamond, Caslon, Bodoni, Renner, Gill, Meier und Zapf als ein Schriftgestalter, der eine ganze Epoche in Buchstaben ausgedrückt und festgehalten hat.

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Der Mai ist gekommen …

Jedes Jahr nehme ich mir vor, die Kastanienblüte von Anfang an zu beobachten. Beim richtigen Wetter kann man den Fortschritt beim Aufblühen fast von Minute zu Minute sehen. Leider hat mir auch dieses Jahr wieder der Reiseplan einen Strich durch die Rechnung gemacht und ich kam erst am 11. Mai wieder in Berlin an. Immerhin gerade noch rechtzeitig um die Kastanienbäume am Landwehrkanal zu genießen. Auf dem Weg in die Werkstatt P98a habe ich neulich an der Brücke über den Kanal neben der Nationalgalerie angehalten und ein Foto gemacht, als Ersatz fürs verpasste Beobachten gewissermaßen. Weil jeder weiß, dass die Blätter der Kastanien grün und die Blütenkerzen hier weiß sind, finde ich ein schwarzweißes Foto völlig ausreichend. Die rosaroten Kastanienblüten am Hausvogteiplatz muss ich dann wohl farbig reproduzieren.

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Das März Plakat ist da.

Das Plakat für den März 2015 ist wie immer 50×70cm groß und auf 160g Meta­Pa­per Rough gedruckt. Es ist eine Neuauflage unseres beliebtesten Motivs, das schon lange vergriffen ist. Da wir gerade einen Kasten Block Schwer in 16 Cicero gekauft hatten, war das ein willkommener Anlass, diese Schrift auszuprobieren. Sie druckt erstaunlich gut für eine alte Holzschrift – fast schon zu perfekt, braucht aber eine Menge Farbe. Der Preis der Fette.

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Auflage 50 Stück, nummeriert und handsigniert von Erik Spiek­er­mann. Wir verschicken überallhin. Das Plakat kostet 98, ob €, $ oder £, inklusive Versand und Mehrwertsteuer wo nötig. Bezahlt wird mit Pay­Pal. Das Plakat kommt in einer kräftigen Pappröhre an.

Bestellungen mit der Versandanschrift bitte an info@p98a.com.

Kurze Wörter

Buchstaben bilden Wörter und Wörter bilden Sätze. Wenn wir diese Wörter auf Papier gedruckt vor uns sehen, wollen wir sie zu Sätzen reihen. Eine ähnliche Übung wäre aber in unserer Sprache besser mit Wörtern aus vier Buchstaben zu erledigen, denn für Kürze ist Deutsch nicht bekannt. (Wie Mark Twain schon schrieb: „Deutsche Wörter sind so lang, dass sie einen Fluchtpunkt haben“) Wir werden diese und mehr Wörter drucken, gleich ob es Verben, Substantive, Adjektive oder Pronomen sind.

Noch nicht sicher, ob in dieser Schrift, der HWT Artz, die bisher nur Versalien hat oder in einer anderen, die in Arbeit ist, aber drucken werden wir auf jeden Fall.

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Lutz Seiler druckt Lutz Seiler

Neulich war der Suhrkamp Verlag zu Gast bei uns in der Galerie P98a. Mit Lutz Seiler, der gerade den Deutschen Buchpreis 2014 erhalten hatte, druckten wir Auszüge aus dreien seiner Texte auf unseren Andruckpressen. Schwarzer Text auf der Korrex Berlin, das rote Impressum auf der Korrex Nürnberg und den Prägestempel des Verlags auf der Grafix mit verstellbarem Fundament. Alles zu sehen in diesem Video:

Zeichen – Bücher – Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek zeigt eine virtuelle Ausstellung, die unsere Kulturgeschichte erzählt aus dem Blickwinkel von Schrift und Buch bis zur digitalen Netzwelt.

Christoph Heger hat mich in der P98a Werkstatt besucht und ein Interview gefilmt. Es ist im Kapitel Schrift gestalten zu sehen, in dem auch andere Schriftentwerfer zu Worte kommen. Mit Erlaubnis des Museums darf ich das Video auch hier zeigen.

Workshop bei P98a

Es gibt jetzt den Termin für den Workshop, den Gestalten mit uns organisieren:
17. und 18. Oktober 2014
10:00–18:00
P98a, Potsdamer Straße 98a, Berlin Schöneberg
http://shop.gestalten.com/spiekermann-workshop.html