Telekrampf

2002 bat mich die Süddeutsche Zeitung, für einen Artikel im freitäglichen Magazin einen Gegenstand zu wählen, der es nötig hätte, neugestaltet zu werden. Zwar haben sie bestimmt nicht an einen papieren Gegenstand gedacht bei der Anfrage, aber ich bin kein Produktdesigner und habe gelernt bei dem zu bleiben, was ich kann.

Jeden Monat ärgert mich meine Telefonrechnung. Ich habe privat drei Telefonanschlüsse (einer fürs Fax) und bekomme dementsprechend drei Rechnungen in drei Umschlägen, was alleine schon ärgerlich ist und eine Verschwendung darstellt. Noch ärgerlicher ist aber, dass ich ewig rumsuchen muss, bis ich endlich weiss, welche Rechnung für welchen Anschluss ist. Wenn ich soweit bin, habe ich keine Lust mehr, mich durch das Marketingkauderwelsch zu kämpfen und zu entschlüsseln, was denn zum Beispiel „Auslandsverbindungen AktivPlus xxl“ sind. Bestimmt ist das eine der Absichten hinter diesen Produktnamen, abgesehen von der Unfähigkeit der Telekom, ihr Durcheinander von Marken und Produkten aufzulösen.

Ich habe also schnell eine alternative Rechnung entworfen. Ohne Kenntnisse der sicherlich hochkomplexen Vorgaben, die aus der Datenverwaltung kommen und die – wie sie immer behaupten – überhaupt nicht zu beeinflussen sind. Mehr dazu unter den Abbildungen.

telekom_alt2_.gif

Nirgendwo auf diesem ersten Blatt finde ich meine Telefonnummer, also den Anschluss, für den diese Rechnung gilt. Stattdessen stehen hier drei völlig kryptische Ziffernfolgen, die für mich völlig unwichtig sind, aber sehr verwirrend. Man sollte meinen, dass eine moderne Datenverwaltung diese Zahlen kennt ohne sie jedesmal drucken zu müssen.
telekom_alt1.gif

Hier erscheint nun endlich die Nummer meines Anschlusses, auf die sich die Rechnung bezieht. Allerdings ist sie sehr verwirrend dargestellt. Die Nummer wäre 030 (für Berlin) 214 730 27 oder (nach DIN) 21 47 30 27 (von hinten in Zweiergruppen). Warum da eine 3000 steht, weiss nur der Computer.
Hier nun mein Gegenentwurf:
telekom_rechnung01.gif

1: Das ist die wichtigste Information: meine Telefonnummer, zu der diese Rechnung gehört.

telekom_rechnung02.gif

2: Auch hier wird diese Nummer wiederholt
3: Hier ist sie auch wichtig, weil ich vielleicht einige verschiedene Telefonnummern habe
4: Einfache Überschriften; interne Angaben haben hier nichts zu suchen. Sie sind im System und müssen nicht ausgedruckt werden für den Kunden
5: Einfache Bezeichnungen, die klar sagen, für welche Leistungen der Betrag fällig wird.

Das ganze Formular ist in grosser, deutlicher Schrift gesetzt (ich habe mir erlaubt, die wenig lesbare Telegrotesk – alias Helvetica – durch meine eigene Unit zu ersetzen); unterschiedliche Themen sind deutlich voneinander abgesetzt.

9 comments

  1. David

    @thomas: Ich komm aus dem Staunen nicht mehr raus. TeleAntiqua, Corporate A… da soll doch mal einer sagen, Microsoft würde mit Windows keine flexiblen Schriften mitliefern 😉

  2. hast du die vorlage eigentlich auch für den fontshop/berlin gemacht, welche ja mit abstand die schickste rechnung ist, die ich so bekomme. die telekom-rechnung mache ich gar nicht mehr auf, ist eh nur der anschluß fürs web drann, da weiss ich was drinn ist.

    david:
    »wenn man die Buchstabenbreite auf ca. 90% reduziert. Sieht dann wirklich täuschend echt aus.«

    hier ist doch nicht mercedes, auch wenns da 80 % sind. 😉

  3. Ich glaube, dass die Telekom einen gewissen Vorteil durch die Unübersichtlichkeit hat. Wer hat da schon Lust, sich durchzuarbeiten? Und schon kann man den einen oder anderen Euro dazuverdienen. Ich erinnere hier nur mal an die dreißig Jahre alten Miettelefone, die sich die Telekom immer noch bezahlen lässt.
    Wünschenswert wären übersichtliche Rechnungen natürlich und Deinen Vorschlag finde ich auch sehr schön …

  4. Jan

    Wie sahen diese Vorschläge zu den DB-Fahrplänen denn aus? Gibt es die irgendwo zu sehen? Würde mich sehr interessieren!

  5. David

    Ja, wirklich eine deutliche Verbesserung. Insbesondere diese Tarifnamen, die offenbar im Monatsrhythmus gewechselt werden (im obigen Beispiel gerade “AktivPlus”) sind Undurchsichtigkeit hoch drei.

    Als nächstes wünsche ich mir von dir aber ein komplettes Telekom-CD 😉 Ne, ernsthaft, vielleicht hast du ja irgendwann mal Lust paar Punkte aufzuzählen wie mans besser machen könnte. Würd mich persönlich jedenfalls interessieren…

    Ach, übrigens: Die Georgia (die hast du hier doch verwendet?) kann man noch stärker nach TeleLogo/TeleAntiqua aussehen lassen, wenn man die Buchstabenbreite auf ca. 90% reduziert. Sieht dann wirklich täuschend echt aus.

  6. Fabian Huber

    Herrlich, jetzt fehlt nur noch jemand, der die Steuerformulare auf Vordermann bringt.
    Gab es damals von Seiten der SZ oder gar der Telekom eigentlich eine Resonanz?
    Und – mal ganz unverblümt gefragt – Übernimmt die Bahn jetzt nicht nur ihre neue Schrift, sondern auch ihre Vorschläge zu den Fahrplänen?
    Dabei weiß doch jeder, dass Typographie glücklich macht 🙂

  7. Marc

    Ich denke die Bereitschaft der Telekom müsste momentan, durch den härteren Wettbewerb, gestiegen sein, in Produkt- und Designoptimierungen zu investieren.

  8. das wäre wirklich mal ein großer schritt in richtung kundenfreundlichkeit, aber wer weiß! seitdem obermann neuer chef ist, tut sich so einiges im hause T, vielleicht wäre gerade jetzt ein guter zeitpunkt dem kozern diese änderungen vorzuschlagen 😉

    aber eins verwundert mich doch nun sehr:
    “… Ich habe privat drei Telefonanschlüsse (einer fürs Fax) und bekomme dementsprechend drei Rechnungen in drei Umschlägen, was alleine schon ärgerlich ist und eine Verschwendung darstellt. …”

    dafür gibt es doch schon lange “rechnung online”, optional kann man sich jeden monat seine rechnungen im .PDF format zusenden lassen und spart “angeblich” auch kosten damit. funktioniert sogar mit t-mobile

    http://www.telekom.de/rechnung-online/

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.