Angesichts der Krise entdecken viele Leute wieder altmodische Begriffe wie gesellschaftliche Verantwortung. Wir Designer hätten gerne, dass wir eine große Rolle spielten in der Gesellschaft, in der wir zuständig wären für wahrheitsgetreue, ästhetisch bereichernde Kommunikation.
Leider ist das ein Wunschtraum, was man auch daran sieht, dass die ganze Branche zur Zeit fast überhaupt keine Aufträge umsetzt, die Welt aber dennoch nicht sofort zum Stillstand gekommen ist. Das soll nicht heißen, dass wir kein Gewissen hätten und nicht über unsere Rolle nachdenken sollten, denn natürlich tragen wir unser Teil dazu bei, dass Zustände, Produkte, Marken, Dienstleistungen visualisiert werden. Das kann man ohne Widerworte und ohne Nachfrage machen, aber auch im kritischen Dialog mit den Auftraggebern. Ob und wie weit wir dabei die Welt zum Guten verändern, muss jeder für sich entscheiden. Ich bin eher misstrauisch, wenn plötzlich allenthalben Kollegen auftauchen, die meinen, dass unsereins mit Sprüchen allein etwas bewirken kann.
Ich bin durchaus der Meinung, dass wir eine gesellschaftliche Verantwortung haben, was in meinem Fall besonders das Wohlergehen unserer Angestellten und Auftraggeber betrifft, denen beiden gegenüber ich mich immer solidarisch verhalten werde. Aber mit Worten wird man nichts ändern, und schon gar nicht mit selbstgestalteten Statements von Designern, die vor allem der Eitelkeit dienen, denn da kann man endlich mal ohne Auftraggeber zeigen, was man machen würde, wenn unser Beruf nicht dem Broterwerb diente, was ihn so schnöde macht.


Die Website zum Aufruf „Braucht die Welt Designer“ ist mit vielen Zitaten prominenter und deshalb offensichtlich kompetenter Leute gepflastert – die üblichen Verdächtigen. Alle Beiträge, die bis zum 30. April eingehen, werden auf dem Mozartplatz ausgestellt. Ich nehme an, dass damit der Mozartplatz in Wien gemeint ist, denn in Wien wohnt der Verfasser der Seite. Sonst steht das nirgendwo, aber vielleicht ist das auch ein Test.
Eigentlich widerspricht nun meine Einsendung der Ablehnung solcher rhetorischer Aktivitäten, wie ich sie gerade beschrieben habe. Deshalb habe ich auf ein großes, zitierfähiges Wort verzichtet, mit dem ich eventuell „Denkanstöße“ geben könnte. Besondere Gestaltung habe ich meiner Aussage auch nicht angedeihen lassen um den Verdacht zu vermeiden, am Wettbewerb der Eitelkeiten teilzunehmen. Aber ganz unwidersprochen konnte ich diese gutgemeinte Aktion nicht lassen. Ich habe also lediglich im vorgegebenen Format die Website zitiert und meine Antwort darunter gesetzt, weiß auf rot, wie es sich für einen Aufruf gehört.
SpiekerBlog » Blog Archive » Braucht die Welt Designer? great article thank you.
98% der Designer, die ich kennen gelernt habe, beschäftigen sich leider nur mit ihrem Style. An Inhalten sind sie nicht interessiert, sonst würden sie ja keine Designer werden wollen. Erst der Teil des Designs, der Erkenntnis beinhaltet nicht nur für den Kreativen, sondern vor allem für den Betrachter, erweitert das Denken um den Bereich Wissenschaft oder wie man früher gesagt hat: Kunst. Das entspricht dann der Forderung nach Haltung. In einer immer mehr verweiblichteren Welt ist Haltung aber nicht wünschenswert, denn Haltung ist männlich, hat Ecken und Kanten und ist accountable. Das will im Grunde aber niemand, sondern alle streben nach Sicherheit und Vergnügen. Sex und Shopping als Narkotikum für eine unreife, um-sich-selbst-drehende moderne Welt.