Schriftentwerfen

Was ist der erste Gedanke beim Entwerfen einer Schrift?
Ein Interview per Email, 2003.



1. Was ist der erste Gedanke beim Entwerfen einer Schrift? Wie entwickelt sich die Idee für eine Schrift?
Bei mir ist es immer eine Aufgabe, eine Problemstellung. Also: wie muss eine Schrift aussehen, die in kleinen Größen auf schlechtem Papier gut lesbar ist, Platz spart und einigermaßen den Vorstellungen von einer Serifenlosen entspricht, aber die Vorteile einer Antiqua hat? Will heißen: wenig Unruhe, aber Kontrast zwischen horizontal und vertikal, ausgeformte Innenräume, offene Einläufe der Standstriche in die Kurven, deutliche Betonung der Mittelhöhe. Aus diesen und mehr Überlegungen entstand die Meta, damals (1985) noch für die Deutsche Bundespost. Meine anderen Schriften hatten auch immer eine Aufgabe und waren nie das Ergebnis einer „Eingebung“. Übrigens sind fast alle Klassiker so entstanden, von Times über Franklin und Bell Gothic zur Frutiger.

2. Arbeiten Sie noch mit Handskizzen?
Die ersten Überlegungen lassen sich mit einem weichen Bleistift sehr schnell festhalten und überprüfen. Dann folgen einige genauere Skizzen mit einem härteren Bleistift zur Festlegung der Parameter wie Strichstärke, Mittellänge, Grundformen anhand der prägenden Zeichen wie n, e, g, a, H sowie einigen Ziffern. Die mache ich am liebsten.

3. An welcher Stelle wird entschieden, in welchem Format die Schrift erstellt wird (OpenType, TrueType, PostScript)?
Das hat mit dem Entwurf nichts zu tun. Heute werden in der Produktion der Daten immer TrueType und Type 1 PostScript erstellt, allmählich auch Open Type, wenn auch vorläufig noch ohne die besonderen Möglichkeiten dieses Formates, weil sie kaum unterstützt werden.

4. Es gibt drei Standard-Softwareprodukte: FontLab, Fontographer und FontMaster. Welche Software verwenden Sie und warum? Mit welcher Software sind die FF Meta oder ITC Officina entstanden?
Meta wurde 1985 bei Linotype nach meinen Zeichnungen auf einem Ikarus System digitalisiert; die FF Meta dann 1991 mit Ikarus M auf dem Macintosh umgesetzt und wenig später in Fontographer weiter bearbeitet. Für die ITC Officina Sans gab es sehr gute Bleistiftzeichnungen, die Just van Rossum mit Fontographer digitalisierte. Wir mussten dann aber von diesen Daten alle Zeichen ausbelichten und nach New York schicken, wo sie neu digitalisiert wurden. Warum, weiss ich bis heute nicht.

Heute verwende ich Fontographer 3.5 in der Robofog Version und die 4.1 Version für schnelles Umbauen und Ergänzen. Ich habe mit FontLab 4 auf dem Mac Fonts produziert, aber nicht gezeichnet. Die automatischen Hints sind sehr viel besser als die von Fontographer und man kann für alle Plattformen Fonts generieren, auch für den Palm. Allerdings ist das Programm so umfangreich, dass ich wohl Jahre brauchen werde um es ansatzweise zu verstehen. Das Handbuch ist 700 Seiten stark! Ansonsten beschränke ich mich zunehmend aufs Skizzieren, auch digital. Ich schicke dann meine unsauberen Daten an Kollegen wie Christian Schwartz in New York, der meine Ideen versteht und reinzeichnet, aber auch selber Entwerfer ist und viele gute Ideen beiträgt. Mit Christian habe ich die neue FF Unit gemacht und die ITC Officina Display. Gerade arbeiten wir an der Meta Light, an einer Schrift für Bosch und bald an einer für die Deutsche Bahn.

5. Glauben Sie, dass sich das OpenType-Format durchsetzen wird?
Ja, weil es endlich ein Format für alle ist. Allerdings kann da noch die Firmenpolitik Einfluss haben, weil Microsoft nichts zum Standard machen will, was nicht von ihnen selbst kommt. Wie sie auch jetzt eine eigene Alternative zu PDF entwickelt haben, die mit der nächsten Windows Version erscheint.

6. TrueType-Schriften haben gemeinhin den Ruf, qualitativ schlechter und unsauber umgesetzt zu sein. Wie ist ihre Meinung dazu?
Das liegt weniger am digitalen Format, das ein wenig schwieriger zu handhaben ist in der Produktion, als an der Tatsache, dass für den riesigen Windows Markt der typografischen Halblaien und Anfänger alle möglichen Schrottschriften schnell produziert werden. Wie sonst kann man 500 Schriften für 100 Euro oder weniger anbieten? Mit Qualitätskontrolle, manuellem Hinting und gutem Kerning wäre das zu aufwändig.