„Berlin ist ein dickbäuchiger Typ in meinem Alter“

Nina Apin hat mich interviewt für das Montagsinterview in der TAZ:
„Ohne Erik Spiekermann sähe Berlin anders aus. Die Busse wären nicht gelb, das Berlin-Logo kein Brandenburger Tor aus blau-roten Balken. Er sagt: Berlin braucht weniger Kampagnen und mehr Wegeleitsystem …“

Weiterlesen auf taz.de. Das Foto ist von Detlev Schilke.

ZDF heute neugestaltet

Christiane Scheibe Pluriversum hat dieses Video gemacht. Es zeigt die Schriften und Icons, die wir für den Relaunch der heute Nachrichten 2009 entwickelt haben. Die Motion Graphics sind von Velvet aus München.

Auftraggeber oder Kunde?

Auftraggeber heißen bei uns so, und nicht Kunden. Die Auftraggeber haben ihrerseits Kunden. Ein Kunde heißt so, weil er weiß, was er will: er ist kundig. Unsere Auftraggeber wissen noch nicht genau, was sie wollen, deshalb vergeben sie Aufträge, anstatt etwas Fertiges aus der Schublade zu kaufen. Auf Englisch lauten die beiden Begriffe client und customer.

Meine Mutter sagte immer, dass schlampige Sprache ein Zeichen sei für schlampiges Denken. Leider kannten die meisten Agenturen meine Mutter nicht und nennen ihre Auftraggeber immer noch Kunden.

Wohin es führen kann, wenn diese Unterscheidung nicht beachtet wird, zeigt dieses Zitat aus einem Interview mit einer Agenturchefin:

Farbleitsysteme

Performance ist das Kundenmagazin von BASF Flooring. EIn Interview über Leitsystem im Wortlaut:
Brotkrumen im Schilderwald.

Er wurde erst kürzlich mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk ausgezeichnet – zu Recht, denn seine Entwürfe für Schrifttypen und Symbole prägen ein Stück weit das Gesicht unseres Landes. Beispielsweise, wenn er das Erscheinungsbild der Deutschen Bahn aufpoliert oder uns allabendlich in den heute-Nachrichten im ZDF mit aufschlussreichen Piktogrammen komplizierte Sachverhalte erschließt. Erik Spiekermann gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Typografie. Doch neben dieser Leidenschaft beschäftigt er sich auch mit Leit- und Informationssystemen, die die Orientierung innerhalb räumlicher Strukturen erleichtern bzw. ermöglichen.
Performance sprach mit dem Informationsdesigner über Architektur und Orientierung.


performance: Welches Verhältnis haben Sie zu Architekten?

Erik Spiekermann: Als Architekturhistoriker habe ich ein sehr intensives Verhältnis. So weiß ich zum Beispiel, dass sie notorische Besserwisser sind. Ihr Verhältnis zu Grafikdesign ist in etwa so wie das eines Chefarztes zu einem Heilpraktiker. (lacht) Allerdings muss ein Architekt auch wirklich viel lernen, mehr als wir. Wenn ich für Architekten arbeite, sage ich immer „ihr zahlt nichts, dafür müsst ihr den Mund halten“ oder „ihr müsst richtig viel bezahlen“. Aber ich bin mit sehr vielen befreundet und habe schon selber als Bauherr viele Projekte realisiert.

performance: Sie haben unter anderem die Leitsysteme für die Berliner Verkehrsbetriebe und den Düsseldorfer Flughafen nach dem verheerenden Brand entworfen. Was kann ein Leitsystem leisten?

Spiekermann: Ein aktuelles Projekt zeigt dies ganz schön. Dabei geht es um Leitsysteme für Fußgänger in größeren Städten, aktuell für London. Eigentlich ist es eine Anleitung, wie man als Fußgänger mit einer Stadt umgeht. Das reicht weit über Leitsysteme hinaus und hat auch architektonische Folgen. Die zentrale Frage ist: Wie nimmt man eine Stadt wahr? Die Architekten meinen, es ginge um Gebäude. Die Stadtplaner meinen, es ginge um Straßen. Die Landschaftsarchitekten meinen, es ginge um Grünanlagen und die Designer meinen, es ginge um Leitsysteme. Wir wissen, dass es um alles geht. Es kommt auch darauf an, wer das System nutzt, ob Tourist oder Einwohner. Über Videoaufnahmen und -analysen haben wir beispielsweise nachgewiesen, dass die Leute nicht mit eingenordeten Karten umgehen können. Die Karten werden in die Blickrichtung gedreht. Manche Leute – überwiegend Männer – können das abstrahieren. Doch die meisten Frauen können das nicht und viele Männer auch nicht.

performance: Welche Rolle spielt denn die subjektive Wahrnehmung bei der Gestaltung von Leitsystemen, und wie neutral können sie sein?

Spiekermann: Ein Leitsystem will ja gar nicht unbedingt neutral sein. Neben der Orientierung hat es ja auch einen zweiten Zweck, nämlich eine Marke zu sein. Für den Düsseldorfer Flughafen haben wir dunkelgrüne Schilder verwendet. Aus zwei Gründen. Die ursprüngliche Beschilderung war schwarz auf gelb. Wir wollten im Übergangsstadium deutlich machen, dass diese nun nicht mehr gültig ist. Der zweite Grund war, dass es keinen anderen Flughafen in der Umgebung mit grünen Schildern gibt. Das war also eine Markenfrage. Man ist gut beraten, wenn der Absender eines Leitsystems erkennbar wird. In London beispielsweise sieht man anhand der Schrift und der Gestaltung, dass das Leitsystem von einer offiziellen Instanz kommt, die Ahnung hat und sich kümmert. Das schafft Vertrauen.

performance: Gibt es Grenzen, ab wann die Orientierung inner-halb eines Gebäudes ohne Leitsystem nicht mehr möglich ist? Kennen Sie ein gutes Beispiel?

Spiekermann: Na ja, das ist ja ein altes Streitthema. Architekten wollen ja nie ein Leitsystem. Sie wollen, wenn es hochkommt, die Türen nummerieren. Orientierung innerhalb eines Gebäudes funktioniert unter anderem durch den Bezug nach draußen. Dann kann man sich am Sonnenstand oder an umliegenden Gebäuden orientieren. Das ist aber nicht immer der Fall. Auch die Gebäudegeometrie spielt eine Rolle. Wenn man weiß, man ist in einem runden, einem quadratischen oder einem kreuzförmigen Gebäude, kann man sich zurechtfinden.Der Flughafen Tempelhof in Berlin ist ein Halbkreis. Da benötigt man nur die Information, wo man sich befindet – also ein Informationssystem.

performance: Sollten Architekten und Informationsdesigner enger kooperieren?

Spiekermann: Schön wäre es, wenn Architekten Leitsysteme von vornherein integrieren und die Schilder nicht im Nachhinein auf die Architektur aufgepappt werden müssen. Es gibt einfach Situationen und Gebäude, da ist die Information für den Nutzer vorrangig vor der architektonischen Gestaltungsidee. Dieser Konflikt ließe sich aber vermeiden. Ein guter Architekt redet vorher mit den Leuten, die involviert sind.

performance: Kann unabhängig von Schildern auch eine farbige Gestaltung von Räumen und Oberflächen zur Orientierung beitragen?

Spiekermann: Natürlich. Gerade wenn die Architektur keine Anhaltspunkte bietet, beispielsweise in Parkhäusern oder in Bürogebäuden, in denen die Verkehrsflächen in jeder Etage gleich sind, merkt man sich eher eine Farbe als die Geschossnummer. Andererseits können die Menschen sich auch nicht mehr als vier, fünf Farben merken.

performance: Welche Rolle kann ein farbig gestalteter Boden in diesem Zusammenhang spielen?

Spiekermann: Böden und Decken sind bisher völlig unterbewertet. Wir gucken beim Gehen auf den Boden, daher liegt es auf der Hand. Menschen verstehen eine gut gemachte Farbgestaltung am Boden intuitiv.

performance: Sie haben in Ihrem Leben mehrmals neu angefangen. Was gibt Ihnen Halt und Orientierung?

Spiekermann: Ich bin kein Eigenbrötler und hatte immer das Glück, mit guten Leuten zusammen zu arbeiten. Alleine hätte ich es nicht geschafft.

performance: Wir danken Ihnen für das Gespräch.


Das Kundenmagazin performance von BASF gibt es hierals PDF.

Websprech

Diese Nachricht erschien neulich auf unserem Projektblog. Ist das noch deutsch? Schon englisch?
Oder einfach eine eigene Sprache?

Ins Gesicht geschrieben

Lasko Dzurovski aus Macedonien hat mir gerade dieses Porträt von mir geschickt, alles aus Buchstaben der FF Meta gesetzt.
Ich weiß nicht, woher Lasko die Zeit nimmt, aber es ist eine erstaunliche Arbeit. Die Originaldatei ist riesig groß und sehr hochauflösend.

Die Bahn macht mobil…

Die neue Ausgabe der Zeitschrift für Kunden der Bahn ist da. Neu gestaltet. Mich freut besonders, dass jetzt endlich die große Schriftfamilie der DB Type genutzt wird. Es gibt kursive Überschriften, fette Versalzeilen, Texte aus Antiqua, Texte aus Grotesk: alles, was das Schriftsystem bietet. Der Titelkopf ist aus der DB Sans Black Kursiv gesetzt.

Die letzte Ausgabe im alten Look fällt dagegen besonders stark ab, denn dort ist die DB Type ersetzt durch Adobe Sans und Serif. Das geschieht, wenn die Originalfonts nicht richtig im PDF eingebettet sind. Dann werden sie bei der Belichtung ersetzt durch jene beiden Fonts, die Größe und Laufweite so gut nachahmen, dass es kaum auffällt. Außer Leuten, die genauer hinsehen, was dort offensichtlich nicht der Fall war.

Hier zunächst der neue Titel, darunter der alte, kaputte.

Bauhaus Archiv & Spiekermann

Als Belohnung für den deutschen Designpreis für mein Lebenswerk durfte ich eine Ausstellung einrichten im Bauhaus Archiv in Berlin. Am Ende war das fast eine Strafe, denn es artete doch in Arbeit aus. Mein Archiv hat den Namen nicht verdient, doch am Ende haben wir etwas zusammengestückelt, das zumindest zur Eröffnung 700 Besucher anzog – soviel kommen sonst nicht in diese heiligen Hallen. Mein Glück war, dass Lars Krüger an der FH Düsseldorf seine Diplomarbeit über die Gestaltung der BVG von 1983 bis 1993 macht. Lars hat am meisten gesammelt und aufbereitet und den interessantesten Teil der Ausstellung beigetragen. Fotos gibt es demnächst hier zu sehen, einige von der Eröffnung aber auch schon auf typografie.info
In der FAZ stand diese Besprechung:

Jung von Matt fragt Wir sind Helden wg Bild

Die Anfrage
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind als Werbeagentur mit der aktuellen BILD-​Kampagne betraut, in der wir hochkarätigen Prominenten eine Bühne bieten, ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD mitzuteilen.

Derzeit planen wir die nächste Produktionsphase für Frühjahr 2011. Die neu zu produzierenden TV- und Kinospots sowie Plakat-​ und Anzeigenmotive sollen die bestehenden Motive von Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, Mario Barth u.v.m. ergänzen.
Für diese Fortführung der Kampagne möchten wir sehr gern “Wir sind Helden” gewinnen.

Das schöne an der Kampagne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spendet in Namen jedes Prominenten 10.​000,- Euro an einen von Ihnen zu bestimmenden Zweck.

Lassen Sie uns gern telefonieren und die Details besprechen. Zur Detailinformation senden wir Ihnen bereits heute anbei einige weiterführende Informationen.
Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.

Herzliche Grüße aus Hamburg,
Jung von Matt/Alster Werbeagentur GmbH

Unsere Antwort
Liebe Werbeagentur Jung von Matt,
bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -​Kampagne mitmachen wollen:
Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-​Aktion der Bild-​Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -​distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever-​ Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -​Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes