Meta International

In den letzten zehn Jahren sind etliche Versionen der FF Meta entstanden über die erste, «West»-Fassung hinaus. Wer baltische Sprachen setzen will, Türkisch, Rumänisch, die Mitteleuropäischen Sprachen, Griechisch und Kyrillisch gar, der findet diese alle zusammen jetzt in einem Paket, natürlich einschließlich der «normalen» lateinischen Version. Alles in zwei Schnitten, Book und Bold mit den jeweiligen Kursiven. Ein PDF zeigt alles unter Read More.


The PDF shows all the international Metas.
FF_MetaInternational.pdf

Heinrich von Kleist

»Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«
Dieser Aufsatz von Kleist ist wunderbar zu lesen und schildert amüsant und überraschend, welche große Rolle die Eingebung, der Zufall spielen kann, wenn wir uns nur darauf verlassen. Da ich auch nicht planen, sondern nur improvisieren kann und zum denken reden muss, hätte ich das gerne auch so formuliert.

Wer einen Übersetzer kennt, der diesen
Text ins Englische bringen kann, bitte melden. Einfach übersetzen
könnte ich selber, aber nicht mit der gleichen Sprachgewalt.

Ein PDF ist angehängt mit einer gestalteten Druckversion.
Heinrich von
Kleist
Über die
allmähliche ?Verfertigung der
Gedanken

beim
Reden
Wenn du etwas wissen willst und es durch
Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher
Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt,
darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu
sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein!
Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar
große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren
den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits
verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich
will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren,
und so könnten, für verschiedene Fälle verschieden, beide
Klugheitsregeln vielleicht gut neben einander bestehen. Der Franzose sagt,
l?appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr,
wenn man ihn parodiert, und sagt, l?idée vient en parlant. Oft sitze
ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche, in einer
verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen
sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den
hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen
ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe
vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse
ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung
leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche
hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht
stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob
sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn sie kennt weder das Gesetzbuch,
noch hat sie den Euler, oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie
mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es
ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich
doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern
her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den
Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der
Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene
Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die
Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische
unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die
Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig
wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur
Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige
Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner
Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon
angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede,
in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und
in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände
drängen, noch um einen Grad höher gespannt. In diesem Sinne begreife
ich, von welchem Nutzen Molière seine Magd sein konnte; denn wenn er
derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten
konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich
nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für
denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm
gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halbausgedrückten
Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck
für die ganze andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher
große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht
wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die
ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus
resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn
dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt
jener »Donnerkeil« des Mirabeau ein, mit welchem er den
Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen
Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen
auseinander zu gehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die
Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den
Befehl des Königs vernommen hätten? »Ja«, antwortete
Mirabeau, »wir haben des Königs Befehl vernommen« ? ich bin
gewiß, daß er bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette
dachte, mit welchen er schloß: »ja, mein Herr«, wiederholte er,
»wir haben ihn vernommen« ? man sieht, daß er noch gar
nicht recht weiß, was er will. »Doch was berechtigt Sie« ?
fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen
auf ? »uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten
der Nation.« ? Das war es was er brauchte! »Die Nation gibt
Befehle und empfängt keine.« ? um sich gleich auf den Gipfel der
Vermessenheit zu schwingen. »Und damit ich mich ihnen ganz deutlich
erkläre« ? und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand,
zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: »so sagen Sie
Ihrem Könige, daß wir unsre Plätze anders nicht, als auf die
Gewalt der Bajonette verlassen werden.« ? Worauf er sich,
selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. ? Wenn man an den
Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders,
als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem
ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von dem
elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers
Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität
erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung,
der ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging
unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners zur verwegensten
Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken
einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in
Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß
Mirabeau, sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und
vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich zu
konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche
gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der
Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chatelet, und
der Vorsicht, Raum. ? Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung
zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich,
wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen
bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache
zurück. Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: Les animaux malades de la
peste, wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne
zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel
von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not
hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der
Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen,
daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen
müsse. Viele Sünder seien im Volke, der Tod des größesten
müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher
ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil gestehe, daß
er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde,
wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken
zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich
größerer Schwachheiten schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu
sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten
will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu
weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder einen Hund, diese
nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn
dies ist der Hauptpunkt: »on peut dire«, obschon er noch nicht
weiß was? »qu?il méritoit tout mal«, auf gut
Glück; und somit ist er verwickelt; »étant«, eine schlechte
Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens là«, und nun
erst ?ndet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur
les animaux se font un chimérique empire.« ? Und jetzt beweist
er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter
auffrißt) das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn
herfallen, und ihn zerreißen. ? Ein solches Reden ist ein wahrhaftes
lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihre Bezeichnungen gehen
nebeneinander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere,
kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem
Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad
an seiner Achse. Etwas ganz anderes ist es wenn der Geist schon, vor aller Rede,
mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen
Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt ihn
zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung
abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so
folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden
sei, vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst
ausgedrückten grade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer
Gesellschaft, wo durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche
Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie
sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel
zurückgezogen halten, plötzlich mit einer zuckenden Bewegung,
auf-?ammen, die Sprache an sich reißen und etwas
Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die
Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes
Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was
sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht
Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche
Geschäftswechsel, der Übergang Ihres Geistes vom Denken zum
Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festhaltung, des
Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen erforderlich war, wieder nieder. In
solchen Fällen ist es umso unerläßlicher, daß uns die
Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig
gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens
so schnell, als möglich, auf einander folgen zu lassen. Und überhaupt
wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht,
einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins
Feld führt. Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch
selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen,
sieht man oft, wenn offene, und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und
man ihnen ohne vorhergegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: was ist
der Staat? Oder: was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute
sich in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom
Eigentum, schon eine Zeitlang unterhalten hätte, so würden sie
vielleicht mit Leichtigkeit durch Vergleichung, Absonderung, und Zusammenfassung
der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo diese Vorbereitung
des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken und nur ein
unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht
wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer,
welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei,
gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier
mit der Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine
schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade
ein öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig
und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu
zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm uns nach den Kenntnissen sieht, um
uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu
lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm
seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter
ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner,
der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das
Meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit
seinem Sechswöchner, Mißgriffe tun könnte. Was übrigens
solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten
Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die
Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht,
selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können.
Denn nicht nur fühlen sie häu?g die Unanständigkeit dieses
ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemandem,
daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel
weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine
gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken,
wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen,
schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende,
Jüngling gegeben zu haben, den sie
examinierten.

kleist.pdf

Piktogramme

Sind Piktogramme das Ende der Schrift?

Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 18.11.2003, dort unter dem Titel »Eindeutig zweideutig«; mein Originalmanuskript als PDF zum Download (352KB). Ein Zeitungsartikel muss anderen Anforderungen genügen als ein allgemeiner Fachartikel. Und auch das Layout auf der großen Seite muss anders aussehen. Inhaltlich sind beide fast identisch.

FR_pikto.pdf

Schriftproben

In den 80er Jahren gaben die Schrift­gießereien viel Geld aus für Schrift­proben. Mir sind neulich einige der Broschüren in die Hände gefallen, die wir damals ent­wor­fen haben.


Ich habe 23 Broschüren ges­cannt und in ein Doku­ment gepackt. Für diesen Zweck habe ich davon dann ein niedrig auflösendes PDF gemacht (immer noch 2,2 MB). Zwar kann man jetzt keine typografis­chen Details mehr wahrnehmen, aber der eine oder andere wird die eine oder andere unbekan­nte Schrift erken­nen, aber auch einige bekan­nte. Viele Gestal­ter bei MetaDe­sign durften sich sein­erzeit an diesen Broschüren ver­suchen. Weil ich nicht mehr weiß, wer was im Einzel­nen gemacht hat, erwähne ich lieber keine Namen. Sie kön­nen sich ja melden und meine Erin­nerung auffrischen.
bertholdtypes_pdf

Markenkultur

Leica – die Marke. Ein Mythos auf den Punkt gebracht
Ein Aufsatz in: Leica, aus der Reihe Positionen der Markenkultur


Herausgeber sind Volker Albus und Achim Heine; das Buch ist erschienen bei Nikolai.

ISBN 3-87584-106-9
leica.pdf

Schriftentwerfen

Was ist der erste Gedanke beim Entwerfen einer Schrift?
Ein Interview per Email, 2003.



1. Was ist der erste Gedanke beim Entwerfen einer Schrift? Wie entwickelt sich die Idee für eine Schrift?
Bei mir ist es immer eine Aufgabe, eine Problemstellung. Also: wie muss eine Schrift aussehen, die in kleinen Größen auf schlechtem Papier gut lesbar ist, Platz spart und einigermaßen den Vorstellungen von einer Serifenlosen entspricht, aber die Vorteile einer Antiqua hat? Will heißen: wenig Unruhe, aber Kontrast zwischen horizontal und vertikal, ausgeformte Innenräume, offene Einläufe der Standstriche in die Kurven, deutliche Betonung der Mittelhöhe. Aus diesen und mehr Überlegungen entstand die Meta, damals (1985) noch für die Deutsche Bundespost. Meine anderen Schriften hatten auch immer eine Aufgabe und waren nie das Ergebnis einer „Eingebung“. Übrigens sind fast alle Klassiker so entstanden, von Times über Franklin und Bell Gothic zur Frutiger.

2. Arbeiten Sie noch mit Handskizzen?
Die ersten Überlegungen lassen sich mit einem weichen Bleistift sehr schnell festhalten und überprüfen. Dann folgen einige genauere Skizzen mit einem härteren Bleistift zur Festlegung der Parameter wie Strichstärke, Mittellänge, Grundformen anhand der prägenden Zeichen wie n, e, g, a, H sowie einigen Ziffern. Die mache ich am liebsten.

3. An welcher Stelle wird entschieden, in welchem Format die Schrift erstellt wird (OpenType, TrueType, PostScript)?
Das hat mit dem Entwurf nichts zu tun. Heute werden in der Produktion der Daten immer TrueType und Type 1 PostScript erstellt, allmählich auch Open Type, wenn auch vorläufig noch ohne die besonderen Möglichkeiten dieses Formates, weil sie kaum unterstützt werden.

4. Es gibt drei Standard-Softwareprodukte: FontLab, Fontographer und FontMaster. Welche Software verwenden Sie und warum? Mit welcher Software sind die FF Meta oder ITC Officina entstanden?
Meta wurde 1985 bei Linotype nach meinen Zeichnungen auf einem Ikarus System digitalisiert; die FF Meta dann 1991 mit Ikarus M auf dem Macintosh umgesetzt und wenig später in Fontographer weiter bearbeitet. Für die ITC Officina Sans gab es sehr gute Bleistiftzeichnungen, die Just van Rossum mit Fontographer digitalisierte. Wir mussten dann aber von diesen Daten alle Zeichen ausbelichten und nach New York schicken, wo sie neu digitalisiert wurden. Warum, weiss ich bis heute nicht.

Heute verwende ich Fontographer 3.5 in der Robofog Version und die 4.1 Version für schnelles Umbauen und Ergänzen. Ich habe mit FontLab 4 auf dem Mac Fonts produziert, aber nicht gezeichnet. Die automatischen Hints sind sehr viel besser als die von Fontographer und man kann für alle Plattformen Fonts generieren, auch für den Palm. Allerdings ist das Programm so umfangreich, dass ich wohl Jahre brauchen werde um es ansatzweise zu verstehen. Das Handbuch ist 700 Seiten stark! Ansonsten beschränke ich mich zunehmend aufs Skizzieren, auch digital. Ich schicke dann meine unsauberen Daten an Kollegen wie Christian Schwartz in New York, der meine Ideen versteht und reinzeichnet, aber auch selber Entwerfer ist und viele gute Ideen beiträgt. Mit Christian habe ich die neue FF Unit gemacht und die ITC Officina Display. Gerade arbeiten wir an der Meta Light, an einer Schrift für Bosch und bald an einer für die Deutsche Bahn.

5. Glauben Sie, dass sich das OpenType-Format durchsetzen wird?
Ja, weil es endlich ein Format für alle ist. Allerdings kann da noch die Firmenpolitik Einfluss haben, weil Microsoft nichts zum Standard machen will, was nicht von ihnen selbst kommt. Wie sie auch jetzt eine eigene Alternative zu PDF entwickelt haben, die mit der nächsten Windows Version erscheint.

6. TrueType-Schriften haben gemeinhin den Ruf, qualitativ schlechter und unsauber umgesetzt zu sein. Wie ist ihre Meinung dazu?
Das liegt weniger am digitalen Format, das ein wenig schwieriger zu handhaben ist in der Produktion, als an der Tatsache, dass für den riesigen Windows Markt der typografischen Halblaien und Anfänger alle möglichen Schrottschriften schnell produziert werden. Wie sonst kann man 500 Schriften für 100 Euro oder weniger anbieten? Mit Qualitätskontrolle, manuellem Hinting und gutem Kerning wäre das zu aufwändig.

typografie, die spröde geliebte

Wir sind immer noch auf Typografie angewiesen. Wenn es darum geht, unscharfe Eindrücke in Informationen zu wandeln und daraus – Verstehen vorausgesetzt – Wissen zu formen, ist der Umgang mit Schrift nach wie vor gefordert.
Ein Artikel für die Mitarbeiterzeitschrift eines großen deutschen Unternehmens, 2001.



Typografie – die spröde Geliebte

Auch unsere Lesegewohnheiten sind inzwischen vom „Zapping“ geprägt. Nicht nur durchs Fernsehen, auch durch Zeitschriften und Zeitungen springen wir von Eindruck zu Eindruck, und was uns nicht innerhalb weniger Sekunden anspricht, hält uns nicht fest. Manchen Bildern kann man dabei nicht entkommen, weil Bilder emotional wirken – auf den ersten Blick oder nie. Wenn es aber darum geht, unscharfe Eindrücke in Informationen zu wandeln und daraus – Verstehen vorausgesetzt – Wissen zu formen, sind wir immer noch auf Typografie angewiesen. Typografie, das ist die Inszenierung einer Mitteilung in der Fläche, so die kürzeste Definition, die ich kenne. Ob Bildschirm oder die Magazinseite, ob Lesetext oder Webseite mit animierten Zeilen – typografische Kriterien bestimmen das Zusammenspiel der Elemente.

Spröde ist Typografie, weil sie am besten ist, wenn niemand sie wahrnimmt. Keinen Preis gewinnen Gestalter, wenn sie hinter der Mitteilung zurückbleiben und ihren Dienst am Leser bescheiden wahrnehmen. Nun muss sich diese Zurückhaltung nicht in langweiligen, grauen Textwüsten äussern, wie wir sie immer noch aus Publikationen kennen, die vorgeben, objektiv und seriös zu sein. Besonders Wissenschaftler und Ingenieure hegen großen Argwohn gegenüber jeder Gestaltung, die als solche erkennbar ist. Seriös muss aber nicht langweilig sein, und Häßlichkeit verkauft sich schlecht. Andererseits gibt es viel Gestaltung, die sich vor allem damit befasst, die Fähigkeiten des Gestalters am Computer darzustellen und dabei weder dem Inhalt noch den Erwartungen der Leser gerecht wird.

Die gute Nachricht ist, dass den Autoren, die zum Lachen in den Keller gehen und diese Einstellung auf die Gestaltung ihrer Drucksachen übertragen, über kurz oder lang die Leser wegbleiben. Gerechterweise geschieht das auch den grafischen Pausenclowns, die jede Mode mitmachen. Sie brechen Regeln, die sie nie gelernt haben, und sich dabei keinen Deut scheren um Kommunikation.

Natürlich ist es nötig, die Gültigkeit der alten Regeln immer wieder zu hinterfragen. Erstaunlich ist jedoch, dass bei aller Bewegung, die in unsere Medien – technisch und inhaltlich – gekommen ist, die typografischen Regeln fast intakt überlebt haben. In fünfhundert Jahren haben wir Gewohnheiten entwickelt, die auch der Bildschirm nicht ignorieren kann. Schriften sehen immer noch so aus wie früher, zumindest für das ungeübte Auge. Der Freiraum für Schriftentwerfer ist klein, weil wir jede Überschreitung der Konvention sofort als Irritation wahrnehmen. Unbewußt natürlich, aber deshalb um so nachdrücklicher.

Die Textschrift dieses Magazins ist zum Beispiel gerade zehn Jahre alt, und die Headlinetype noch keine fünf. Beide drängen sich nicht in den Vordergrund, wirken aber frisch und unverbraucht. Sie verleihen dem Magazin seine Persönlichkeit. Diese Person kommt nicht nackt daher, sondern kleidet sich in ein Layout. Die Seitengestaltung macht sie unverwechselbar, aber nicht albern oder selbstgefällig. Wie ein Unternehmen muss auch eine Zeitschrift einen unverwechselbaren Charakter haben, eine Identität. Typografie ist das Handwerk, dass diese Identität sichtbar macht.

Immer wieder werde ich gefragt, ob denn Typografie eine Zukunft habe, wo doch immer mehr Bilder auf uns einstürmen, keiner mehr lange Texte lesen will und alles bewegt sein muss. Werden wir nicht bald nur noch Piktogramme lesen und kleine Filme sehen? Abgesehen davon, dass es noch nie so viele Bücher und Zeitschriften gab und dass wir auch am Bildschirm vor allem Schrift lesen, ist genau diese Bilderflut der Grund dafür, dass wir uns doch am liebsten auf das geschriebene Wort verlassen.

Das einzige, was sich wirklich geändert hat in den letzten Jahren ist die Tatsache, dass heute technisch alles möglich ist. Kein Gestalter kann sich mehr rausreden mit der Entschuldigung, etwas wäre nicht zu realisieren. Wir haben Zugriff auf alle Bilder, die es je gegeben hat und können neue schaffen, die kein Auge je gesehen hat. Zu den 30.000 erhältlichen Schriften kommen
täglich neue hinzu. Was wir gestalten, können wir sekundenschnell mit
atemberaubender Genauigkeit visualisieren und in alle Welt versenden.

Schrift ist das Kleid der Sprache. Solange wir nicht auf Grunzen und Gurgeln zurückfallen als Mittel menschlicher Verständigung, solange brauchen wir Schrift und Typografie, alle Nuancen darzustellen, derer wir fähig sind.

form condensed, 3.

Aus meiner regelmäßigen Kolumne in der form.
An ihren Klamotten sollt ihr sie erkennen



An ihren Klamotten sollt ihr sie erkennen.

Neulich in der Frankfurter Paulskirche, beim 50-jährigen Jubiläum des Rates für Formgebung: Dem Anlass entsprechend feierlich gekleidet das Publikum. Leicht zu unterscheiden zwischen denen, die Design ausüben und anderen, die Design beauftragen, beschreiben oder verwalten. Die tatsächliche oder gewollte Nähe zum Gestaltungsberuf liess sich an der Abwesenheit der Manneszierde erkennen. Die „echten“ Designer trugen nämlich keine Schlipse.

Was sagt uns das? Zum einen wohl, dass die Damen es einfacher und schwerer zugleich haben. Ihnen reicht es nicht, lediglich die Krawatte daheim zu lassen um kreative Herkunft zu signalisieren. Zum andern, dass Paul Klee wohl recht hatte mit seinem Diktum „Nur der Schein trügt nicht.“ Wie man sich darstellt, so wird man eben gesehen. Die Auftraggeber wollen uns immer noch als andersartige Spinner einordnen, denen man den Bruch der Kleiderordnung schon als kreativen Akt anrechnet. Dabei ist es doch meistens einfach Faulheit, auf das Binden der Krawatte und die tägliche Rasur zu verzichten.

Erstaunlich ist, dass diese kleine Verweigerung schon reicht, einen ganzen Berufsstand zu kennzeichnen. Vor einigen Jahrzehnten musste sich ein Grafiker zum Beispiel noch durch das Tragen eines weissen und eines schwarzen Schuhs hervorheben. Ich möchte wetten, dass der Kollege diesen Gag heute täglich verflucht, nicht nur beim Schuhkauf. In vielen Köpfen reduziert der damals originelle Einfall ihn nämlich auf eben jene Fussbekleidung, anstatt auf seine Arbeit, die alleine bei weitem reichen würde, ihn von anderen Grafikern zu unterscheiden.

Der Kollege mit dem italienischen Namen wird besonders im Sommer den Einfall verfluchen, immer in dicken Strickpullovern herumzulaufen, zumal die weissen Hosen dazu ihn immer wie einen maritim orientierten Teppichverkäufer aussehen lassen. Ausserdem braucht er diese Verkleidung eigentlich nicht, weil man seine Seifenstücke sowieso gleich erkennt.

Andererseits sind freiwillige Uniformierungen ganz praktisch, auf beiden Seiten. Gestreifte Krawatten zum dunkelblauen Blazer beim Auftraggeber sind deutliche Hinweise für die Schriftwahl: Feine Serifen und wohlerzogene Mittelachse. Und der Architekt im engen Ulmer Rollkragen lässt nur kleingeschriebene Rotis an sein Papier, obwohl er selbst Grossbuchstaben schreibt. Der Button-Down Kragen am Oxford Hemd weist auf angloamerikanische Vorlieben hin in der Tradition von David Ogilvy; da hilft meist ein Punkt nach jedem Wort. So.

Dicke Taucheruhren und fette Füller sind zwar völlig unpraktisch und viel zu teuer, lassen aber sofort an den Besuch einer kalifornischen Designschule denken und bringen einen ganzen Kosmos an Bedeutungen mit sich. Selbst schwere schwarze Hornbrillen sind wieder in Mode. Sie sollen wohl andeuten, dass sich der Träger die Augen beim vielen Lesen verdorben hat. Oft wird der Eindruck des leicht weltfremden und an der bösen Realität gescheiterten Kreativen unterstützt durch ein Zickenbärtchen, das ein leichter Fahrtwind ohne Spuren wegwehen würde. Dazu müsste der blasse Designer aber an die Luft, wo ihn seine coolen, luftgepolsterten Laufschuhe so schnell beschleunigen würden, dass er zum nächsten Termin bestimmt zu früh käme. Was schlimm wäre, denn die Achtung einer solch altmodischen Sekundärtugend wie Pünktlichkeit kann für einen Designer fast ehrenrührig sein.

RSS ? Really Simple Syndication

Wie abonniere ich Weblogs?

Zur Website von NetNewsWire gehen, dort die Software für 30 Tage zum Ausprobieren laden. Dann auf meiner Blogseite den Link „Syndicate this Site” klicken (unter dem roten Balken „XML/RSS FEED”. Aus dem nächsten Fenster die URL https://www.spiekermann.com/mt/index.rdf
als neue Subscription in NetNewsWire kopieren. Es gibt tausende von
interessanten, albernen, informativen und sogar fantastischen Weblogs. Die
meisten sind viel professioneller als das Spiekerblog. Aber eine Tages werde
auch ich aufrüsten..


NetNewsWire