SpiekerBlog 2.0

Endlich ist es soweit: mit nur ein paar Tagen Verspätung geht mein neues Blog online. Der Reiseplan ist schon in Ordnung, die Kontaktseite ist auch neu. Immerhin gibt es eine neue Adresse für das Berliner Büro; vor allem aber haben wir zum Anfang des Jahres den Firmennamen gewechselt. Aus UDN ist SpiekermannPartners geworden. Nachdem ich fünf Jahre lang immer wieder erklären musste, dass ich nicht mehr bei MetaDesign bin, haben wir uns entschlossen, konsequent zu sein. Wer jetzt nicht merkt, dass ich nicht gleichzeitig bei SpiekermannPartners und meiner alten Firma sein kann, dem ist nicht zu helfen.
Das neue Layout läuft unter Movable Type. Für die deutsch sprechenden und lesenden Freunde ist es sicher eine Erleichterung, dass es jetzt zwei Blogs gibt. Ein deutsches und ein englisches. Leider haben wir keine Software gefunden, die automatisch eine parallele Site baut aus zwei Textversionen mit gleichen Bildern. Also müssen wir auf dem Server zwei verschiedene Websites ablegen, die sich nur im Text unterscheiden, und ich muss alle Daten zweimal behandeln und laden. Offensichtlich gibt es wenig Bedarf an zweisprachigen Blogs.
Die Arbeit mit der neuen Software hat mein Freund und Kollege Joely Hegarty gemacht. Er hat bei dieser Gelegenheit den Umgang mit Blogs gelernt, was aber für einen richtigen Programmierer eine Kleinigkeit ist.

DB Type gewinnt Designpreis der Bundesrepublik

Die von Erik Spiekermann und Christian Schwartz gestaltete Schriftfamilie für die Deutsche Bahn hat den Designpreis der Bundesrepublik 2007 gewonnen.
designpreis.gif Auf Einladung des Rat für Formgebung beriet am 28. und 29. September 2006 die internationale Jury über die Vergabe des Designpreises. Von 940 nominierten Erzeugnissen, darunter über 200 Arbeiten aus dem Bereich Kommunikationsdesign, erhielten 25 Gewinner die höchste offizielle Designauszeichnung in Deutschland. Die Preisverleihung um Gold und Silber findet am 9. Februar 2007 zur Eröffnung der internationalen Messe Ambiente in Frankfurt/Main statt.

Zur Verleihung erscheint ein umfangreicher Katalog im Birkhäuser Verlag, darüber hinaus werden alle Gewinner im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Die als Wanderausstellung geplante Präsentation wird im Anschluss an die Preisverleihung eröffnet und ist im kommenden Jahr an mehreren Orten im In- und Ausland zu sehen.

Der Designpreis der Bundesrepublik ist die einzige offizielle deutsche Designauszeichnung. Der Preis wird vom Bundesminister für Wirtschaft und Technologie ausgelobt und vom Rat für Formgebung durchgeführt. Um den Designpreis können sich Unternehmen nicht bewerben, vielmehr werden sie von den Wirtschaftsministerien und -senatoren der Länder bzw. vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie nominiert. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass ein Produkt bereits mit einem nationalen oder internationalen Preis ausgezeichnet wurde. Kein anderer Designpreis stellt ein derart strenges Kriterium an die Teilnehmer. Der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland wird hierdurch von vielen Meinungsführern im Designbereich als »Preis der Preise« bezeichnet.

Ein Beispiel aus der Werbung siehe unten: Helvetica links, DB Type Head rechts.

db01.jpg

Keine umfangreiche Lebensbeichte.

Wer will das schon lesen? Aber immer wieder will jemand ein paar Daten über mich; für einen Vortrag, einen Artikel oder – häufig – für eine Arbeit an einer Hochschule.
spiekermann_bw.jpg Hier deshalb zwei Biografien;
eine sehr kurze (erik_bio_en+de.pdf)
mit 600 Zeichen und eine etwas ausführlichere mit 2500 (spiekerbio_de+en_0107.pdf).
Beide deutsch und englisch und auf der Downloadseite zu kriegen.







typomania | typomanie

Dieses Video ist aus den 80ern, ein Kollege hat es aufgetrieben und für mich auf eine CD kopiert.
Ich zeige darin, wie schlimm die Typomanie sein kann.
Das Video auf der Downloadseite hat 50mb. Es ist eine Kopie von einer Kopie und entsprechend miserabel in der Auflösung. Aber vielleicht umso komischer.

PT 55/1986

Habe gerade diesen Artikel gefunden in Baseline 7 von 1986.
Er schildert die Entstehung der PT 55, jener Schrift, die später zur FF Meta wurde.

Anstatt die Texte abzuschreiben, habe ich den Artkel eingescannt und als PDF fürs Download eingestellt. Damit es nicht zu ewig dauert, ist das Dokument nur schwarz-weiss, aber trotzdem immer noch 3,6mb groß.

baseline0785_01baseline0785bw_02baseline0785bw_03

Ist Nachahmung das beste Kompliment?

Schön zu wissen, dass einige meiner Schriftentwürfe andere Gestalter inspiriert haben. Allerdings…


…hin und wieder finde ich eine neue Schrift, an der irgendwas nicht stimmt. Ich zeichne immer noch Buchstaben, aber die meisten jungen Designer arbeiten direkt am Bildschirm. Viele Kollegen öffnen eine bestehende Schrift und spielen dann mit der Kontur. Keine schlechte Übung, vergleichbar mit dem, was ich früher machte: ich malte auf Transparentpapier Buchstaben aus einem Schriftmuster nach. Nach einigen Stunden werden daraus eigene Formen, wenn das Original nicht mehr darunter liegt. Auf dem Bildschirm bleibt die alte Form jedoch immer irgendwie erhalten. Auch wenn jeder Punkt des Umrisses angefasst wurde, das Gefühl des Originals geht nie ganz verloren. Mag sein, dass die ?neue? Schrift anders aussieht, aber jeder mit ein wenig Erfahrung weiss, woher sie kommt. Dieses Beispiel zeigt das deutlich.



Hier Textra von Linotype

Und hier die gute alte FF Meta, vor fast 20 Jahren von mir selbst entworfen. Man hat mir gelegentlich vorgeworfen, zuviele alberne Details eingebaut zu haben, wie schräge Endstriche an manchen Versalien, z.B oben am E. Nun sehe man sich das E der Textra an.

Da ruckt doch nix mehr

Gestalter Erik Spiekermann über ärgerliche Werbetexte, die müde Marke Deutschland
und die Generation Geiz im Interview mit dem Magazin der Frankfurter Rundschau.
Erschienen im August 2003.

Das Original ist hier: https://www.fr-aktuell.de/ressorts/magazin/das_gespraech/?cnt=266795&


Erik Spiekermann,
Gestalter und Lästerer
Berlin und San Francisco
Deutsche Gestalter von Rang treten bescheiden, leise, kühl auf, genau wie ihr Design. Also ganz anders als Erik Spiekermann. Der in Berlin lebende Gestalter und Schriftenerfinder gibt das charmante Großmaul seiner Gilde. Zuletzt bemäkelte er das krachfrohe Logo zur Fußball-WM 2006 in Deutschland (“eine Zumutung”). Ganze Städte fallen bei ihm in Ungnade ob ihrer miserablen Form (“Berlin ist eine ästhetische Beleidigung”). Notfalls stürmt er auch mal direkt ins Büro einer Unternehmensleitung, wenn er etwas besser machen will. So kamen die Berliner, zum Beispiel, nach dem Mauerfall zu einem praktischen, weil bestens benutzbaren Orientierungssystem für Busse und Bahnen. “Wenn mich etwas nervt, will ich das ändern”, sagt Spiekermann, geboren 1947, über seinen Antrieb. Das war schon zu Studienzeiten so. In Frankfurt am Main schuf er seine “ersten typografischen Arbeiten”: 1967 war das, und der
eifrig agitierende Spiekermann schrieb auf selbst gemalten Wandzeitungen gegen das Großkapital an, “die wichtigen Sachen in groß und Rot, das hatten wir aus Peking gelernt”. 1979 gründete er mit zwei Mitstreitern “Metadesign”, das bis in die 90er zum größten deutschen Design-Unternehmen expandierte. Zu den Kunden zählten seither Audi und Nike, der wissenschaftliche Springer-Verlag und die Berliner
Verkehrsgesellschaft, aber auch die Commerzbank und der Pharma-Riese Novartis.
Rührt den Altlinken manchmal das schlechte Gewissen? “Nö – nicht bei den rund 500 Arbeitsplätzen, die ich bisher geschaffen habe.” Es könnten bald wieder mehr werden: Nach dem – natürlich laut polternden – Ausstieg bei Meta baut der Altmeister der deutschen Schriftkunst in Berlin-Charlottenburg gerade seinen nächsten Laden auf, “United Designers”, einen Steinwurf weg von den alten Kollegen. Dort erzählte Spiekermann, der im Oktober mit dem bedeutenden Gerrit-Noordzij-Preis für seine Leistungen im Bereich Typodesign und Typografie ausgezeichnet wird, dem Magazin, was ihn derzeit in Deutschland so nervt. Es wurde ein etwas längeres Gespräch.
Das Interview führten Jörg Schindler und Thomas Wolff
Herr Spiekermann, Sie haben sich mal als eine Art “Design-Polizist” beschrieben …
Oje, den blöden Spruch kennen Sie?
Und – spielen Sie für uns mal Freund und Helfer?
Bitte.
Hier haben wir die Werbung für die neuen Rabatte der Deutschen Bahn, ohne Bilder, also reine Schrift, allerdings im gleichen Stil wie das Logo der Supermarktkette real. Macht sich die Bahn damit nicht billig?
Es zeigt erst mal an, dass es um Geld geht. Bei der real-Anzeige kann ich günstig Schweineschnitzel kaufen, bei der anderen günstige Reservierungen für die 1. Klasse. Das hat für die Bahn den Nachteil, dass es nicht gerade hochwertig aussieht.
Was für ein 1.-Klasse-Angebot komisch wirkt.
Genau das müssen die ändern. Aber sie arbeiten dran. Die müssen eben diesen Spagat schaffen, in verschiedenen Preisklassen glaubwürdig zu sein. Dagegen hat es real einfach, da geht es nur um günstig.
Und die Saturn-Kampagne “Geiz ist geil!” – gelungene Gestaltung, gutes Marketing?
Die ärgert mich ja nun fast jeden Tag. Wegen dieses blöden Spruchs würde ich nie zu Saturn gehen. Geiz ist eine der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften, er zählt ja sogar zu den Todsünden. So was zum Feature einer Kampagne zu erheben, das kann nur einem Werber einfallen. Das ist gemein, richtiggehend unsozial. Und grottenhässlich dazu.
“Keine Kampagne traf den Zeitgeist besser”, behauptet Metro-Chef Hans-Joachim Körber, der diese Werbung abgesegnet hat.
Schlimm genug. Jede Gesellschaft hat die Werbung, die sie verdient. Aber wenn Geiz auf einmal gefragt ist, muss ich das doch nicht noch unterstützen.
Die Botschaft trifft doch aber bei den Deutschen einen Nerv. Alle jammern, alle müssen sparen …
Wir sparen ja nicht wirklich. Die Deutschen geben immer noch Geld aus wie die Weltmeister. Schauen Sie sich in großen Unternehmen um, egal ob staatliche oder private – und ich kenne inzwischen ziemlich viele Unternehmen von innen: Überall sitzen Leute rum, die für ihr Geld nichts tun. Die eine Hälfte der Belegschaft macht so gut wie nix, die andere arbeitet das Doppelte. Das Problem ist, rauszukriegen, welche Hälfte das ist. Genau wie in der Werbewirtschaft, wo der Unternehmer sagt: “Bei meinen Werbekosten hab ich immer das Gefühl, ich schmeiß’ die Hälfte des Geldes zum Fenster raus – ich weiß bloß nicht, welche.”
Trotzdem: Die Stimmung im Lande ist hin. Wer hat sie denn so versaut?
Niemand hat da etwas versaut – nur haben sich eben die Zeiten geändert. Ich bin Jahrgang ’47 und kann mich noch gut daran erinnern, wie das war, die abgelegten Klamotten meiner Geschwister aufzutragen. Ich weiß noch, dass wir beim Essen immer etwas für meinen Vater übrig lassen mussten, der Lastwagenfahrer war und spät nach Hause kam. Wir waren nicht arm, aber ich habe immer Hunger gehabt – es gab eben nie richtig viel. Eine Kugel Eis gab’s mal am Sonntag, für 20 Pfennige.
Ihre Generation, also die heute 30 bis 40-Jährigen, hat sich einfach daran gewöhnt, dass es alles irgendwo gibt. Das nehm’ ich niemandem übel. Aber daher kommt heute diese Verweigerungs-Haltung: Es ist eben nicht mehr alles einfach verfügbar, und dann ist Geiz auf einmal geil, und ich mach’ nur noch mein eigenes Ding.

Wie müsste man die Marke Deutschland heute gestalten und verkaufen, damit sich diese Haltung ändert?
Eine Marke funktioniert nur, wenn sie ehrlich ist. Sie kennen ja wahrscheinlich das Lied von Bob Dylan, in dem es heißt: Man kann die Hälfte der Zeit alle Leute bescheißen oder die Hälfte der Leute die ganze Zeit, aber nicht jeden immer. Sie können den Leuten nichts vorlügen. Deshalb gehen auch immer weniger an die Wahlurne, weil die der hübschen Verpackung der Parteien nicht glauben. Wenn etwas verändert werden muss, dann muss sich was ändern – da kann man nicht einfach an der Marke rumbasteln, das funktioniert nicht. So, wie eine Londoner Agentur vor ein paar Jahren mal den Versuch gemacht hat, die Farben der Bundesfahne zu ändern, damit wir eine fröhlichere Nation werden.
Und, hat’s funktioniert?
Ach wo. Die haben gesagt: Schwarz-Rot-Gold, das addiert sich zu braun, bisschen oll, da machen wir mal ein lustiges Fähnchen draus. Aus dem Schwarz haben sie Blau gemacht und das Rot ein bisschen aufgehellt. Damit sah die Fahne eher nach Rumänien aus, und dadurch wird im Land ja nichts besser.
Wie könnte es denn besserwerden?
Da bin ich bei meinem Lieblingsthema, der öffentlichen Hand, die ja in alle Lebensbereiche mit reinspielt. Dort gibt es niemanden, der Geschmack hat, niemanden, der weiß, dass es auch so etwas wie Kultur gibt. Deshalb bekommt bei Ausschreibungen immer der billigste Anbieter den Zuschlag. Da gibt es keine praktischen und schon gar keine kulturellen Kriterien. Und deshalb bekommen die immer wieder Dreck, weil Dreck am billigsten ist. Kein Anbieter, der so was wie ästhetische Qualität liefert, kann sich leisten, denen etwas anzubieten. Dreck ist billiger als was Schönes, Geiz ist geil. So lange wir diese Kultur der Bürokraten
haben, wird sich am miesen Image nichts ändern.

Und großformatige Anzeigen-Kampagnen wie die mit dem Konterfei von Roman Herzog – “es muss ein Ruck durch Deutschland gehen”?
So what? Wie lang ist diese Rede her – fünf Jahre, sechs? Da ruckt doch nix mehr.
Herr Spiekermann, Sie haben über Ihre Design-Filialen in den USA die dortige Unternehmenskultur kennen gelernt. Was machen die US-Firmen besser?
Man kann erst einmal relativ locker miteinander reden. Aber wenn’s dann direkt wird und ich die Probleme benenne – so nach dem Motto: euer Kaiser hat ja gar keine Kleider an – dann erschrecken die und halten die Luft an. Intern gibt es in den US-Unternehmen noch viel mehr heiße Luft als bei uns, viel mehr Verhaltenscodes und Sprachregelungen, die haben ja mehr Floskeln als im Barock: “How pleased we are that we are able to …”, also auf gut Deutsch: “Wir freuen uns, dass wir Ihnen zwischen dem Lecken Ihrer Arschbacken auch noch ein Angebot reinschieben dürfen”. Auf solchen Kram kann ich verzichten. Ich sag’ denen: Hier, unser Entwurf, kostet so und so viel.
Im Ergebnis kommt also genauso wenig heraus wie bei den Deutschen.
Nein, der große Unterschied ist nämlich: Die Amis haben eine andere Grundhaltung zu Problemen. Die sagen: Okay, lass’ uns sehen, wie wir’s hinkriegen. Die Deutschen sagen eher: Lass’ uns gucken, wie wir’s verhindern können. Manchmal habe ich nach langen, intensiven Diskussion schon den Satz gehört: “Komisch, mir fällt jetzt gar nichts mehr dagegen ein!” Tja, schade eigentlich, möchte man da sagen; dann lasst es uns doch endlich machen!
Zuletzt waren Sie selbst in der Rolle des Nörglers. Das Logo für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland haben Sie öffentlich niedergemacht; die Folge war ein Alternativ-Wettbewerb junger Gestalter.
Die Kritik kam erst mal von einem Kollegen aus London, mit dem ich eine Zeit lang in einer Design-Fußballmannschaft gespielt habe, die beste in der ganzen Szene übrigens …
… auf welcher Position?
Mittel-Verteidiger. Ich bin immer am 16-Meter-Raum rumgerannt und den Gegnern notfalls auch mal in die Hacken gegangen. Ich bin nicht gerade der subtilste aller Spieler, aber ich kann ziemlich lange laufen. Egal, aus dieser Mannschaft kam jedenfalls ein Anruf, nachdem das deutsche WM-Logo mit großem Pomp vorgestellt worden war: “Mensch, wir halten euch Deutsche so hoch, wenn’s um Design geht, und ein Land, das den Tiger-Panzer entwickelt hat, macht jetzt so ein blödes Logo.”
Was ist denn so schlecht daran? Sieht doch ganz fröhlich aus.
Das sieht vor allem aus, als ob da sechs, sieben Ideen in ein kleines Logo reingequetscht werden mussten. Da mussten Leute drauf und Lachen drauf, und dann die Farbe Grün für den Fußballrasen und Schwarz-Rot-Gold natürlich auch noch. Man muss sich auf eine Botschaft konzentrieren, entweder Fußball oder Frohsinn oder Deutschland oder Fifa oder 2006. Und dann waren die Gestalter, die das umgesetzt
haben, auch noch handwerklich unfähig. Schauen Sie sich den Schriftzug “WM 2006” an, so eine pseudo-moderne Schrift, das macht man einfach nicht mehr.

Wozu die Aufregung? Ist doch nur ein nettes, kleines Logo.
Eine ästhetische Katastrophe und für unser Land ein riesiger Image-Schaden. So ein Logo macht die Arbeit und das Budget des Goethe-Instituts aus zehn Jahren kaputt.
Die harsche Kritik aus dem Ausland schoss vor allem gegen die fröhliche Ausstrahlung des Logos. “Smiley-Gesichter auf Ecstasy” titelte eine brasilianische Zeitung. Nimmt man es den deutschen Gestaltern übel, wenn sie’s mal lustig probieren wollen?
Ja, wir sind nun mal ein Land der Ingenieure. Wir sind eben sehr gut darin, Porsches und Daimlers und Braungeräte zu bauen, und das prägt auch unseren Stil. Und wenn wir jetzt plötzlich so lustig wie die Briten oder so fröhlich wie die Italiener sein wollen, wirkt das unglaubwürdig. Freunde aus dem Ausland sagen mir jedenfalls: Wir fliegen lieber mit der Lufthansa, wenn’s irgendwie geht – da wissen wir, dass die regelmäßig ihre Schrauben nachziehen.
Sind die Deutschen denn dazu verdammt, immer bei dieser strengen und nüchternen Form zu bleiben? Für immer Bauhaus?
Wir haben sicherlich das Problem, dass in Teilen der Gestalterszene eine protestantische, schwäbische Verkniffenheit herrscht, die spielerische Ansätze geradezu verbietet. Aber mit diesen Design-Stalinisten, die allen Leuten alles genau vorschreiben wollen, habe ich nichts an der Backe.
Sie wollen doch immer hübsch Ordnung halten, wie Ihre Gestaltung für die Berliner Busse und Bahnen zeigt. Ordentliche Schilder überall, klare Schriftzüge, fertig.
Unsere Schilder und Schriften sind auch bunt. Aber sie sind eben auch als Teile eines Systems erkennbar. Damit man erkennt, wie die verschiedenen Teile des Systems zusammengehören – von der Tafel mit den Abfahrzeiten bis zur Farbe der Busse. Es ist aber kein starres System. Ich gebe nur die Grammatik vor, die man braucht, um einander zu verstehen. Aber welche Worte und Sätze man damit bildet, das bleibt offen. Man kann damit Witze erzählen, oder eben klare Anweisungen geben. Das schreibe ich als Gestalter nicht vor. Im übrigen freue ich mich am meisten, wenn man von meiner Gestaltung gar nichts mitkriegt.
Na, na…
Nein, ich find’s am tollsten, wenn Gestaltung einfach nur funktioniert. Wenn sie mich nicht anschreit, wie das in Teilen der Werbung der Fall ist. Ich hasse es, von Plakaten und Zeichen dauernd angebrüllt und vollgequasselt zu werden.

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Meine Kolumne in form, erschienen Ende 2004.
Pech gehabt
Einen Pitch nennt man das kostenlose Vorführen von Ideen und Entwürfen. Auf englisch bedeutet das Wort ?Pech?.

Immer wieder lese ich:
?…aus einem Pitch um den Etat für … ging … siegreich hervor…? Wie gerät das Wort ?siegreich? dort hinein?

Ein Pitch ist eine Vorstellung von Entwürfen im Wettbewerb unter mehreren Agenturen bzw Büros. Das englische Verb bezeichnet das Werfen mit dem Baseball, das englische Substantiv bedeutet schlicht Pech, und zwar das Zeug, das mit Schwefel untrennbar zusammenhält. Pech haben auch die Teilnehmer eines solchen Zufallswurfes, die leer ausgehen. Wer zum Pitch einlädt, bei dem es gewöhnlich ein Anerkennungshonorar gibt, das kaum die Kosten für die Farbdrucke deckt, meint Entscheidungshilfen zu bekommen für eine Kommunikationsaufgabe. In Wirklichkeit ist es aber so, als ginge der Auftraggeber nacheinander in mehrere Restaurants, esse von jedem Tellerchen ein wenig und erkläre anschließend, er habe jetzt keinen Hunger mehr und bezahle nichts, weil ja kein Gericht seinem Geschmack entsprach.

Wer also an einem Pitch teilnimmt, bei dem Entwürfe zu einem Bruchteil des Wertes verkauft ? sprich: verschenkt ? werden, den sie eigentlich wert sind, ist ein dreifacher Versager. Er versagt uns die Wertschätzung, die unsere Arbeit verdient, und er versagt sich ein angemessenes Honorar für das Wertvollste, das wir anzubieten haben: unsere Ideen und deren Visualisierung. Er versagt drittens dem Auftraggeber die Erfahrung, dass Gestaltung als Problemlösung nur im Dialog funktioniert. Für einen Pitch zu arbeiten ist wie sich zu einem Blind Date mit vielen Teilnehmern gleichzeitig zu verabreden. Wer als Auftraggeber einen Pitch veranstaltet ohne die Eingeladenen gründlich kennen gelernt zu haben, könnte genausogut Lose ziehen lassen unter den Mitgliedern eines Berufsverbandes. Wer sich hingegen mit einigen Designern über die Aufgabe ausführlich unterhält, braucht keinen Pitch mehr. Er weiss dann, wem er vertrauen kann.

Warum meinen aber immer mehr Auftraggeber, sie müssten ?pitchen? lassen und viele Designer, sie müssten teilnehmen? Weil Dummheit, Faulheit, Eitelkeit und Feigheit ? die vier apokalyptischen Reiter des Gewerbes ? so heftig mit den Hufen trampeln, dass der Vernunft schwarz vor Augen wird, pechschwarz.

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Aus meiner regelmäßigen Kolumne in der form.
Wer braucht noch Grafiker, wenn man fertige Logos für ein paar Euros von einer Website kaufen kann?



Logos to go.

Endlich gibt es Kollegen, die mit dem Mythos aufräumen, die Gestaltung von Logos und ähnlicher Kleingrafik wäre der Auftakt für einen aufwändigen Prozess, in dem sich das Unternehmen erst selbst finden muss, bevor es mithilfe seiner Unternehmens-, Verhaltens-, Werbe- und Design-Berater zur Krönung des Corporate Design kommt: dem Logo.

Ich zitiere von einer Website:

?Wir stellen Ihnen bis zu 5 verschiedene Grafiker für Ihr Projekt zur Verfügung, um eine größtmögliche Vielfalt von Entwürfen zu erhalten. Wir bieten Ihnen hiermit das Neudesign eines Logos an, das von mindestens 3 verschiedenen Grafikern entworfen wird, um nur 199.- EUR.?

Na also: wenn 1 Grafiker ein schlechtes Logo macht, dann schaffen 5 Grafiker 5 schlechte Logos. Für das Geld kann man ja heute kaum richtig gut essen gehen, was bestimmt nicht soviel Spass macht wie Entwürfe verreissen. Da kann sich eine ganze Werbeabteilung bestimmt einen Nachmittag lang dran erfreuen. Aber es geht weiter:

?Das ist ein einzigartiges Angebot und liegt deutlich unter den branchenüblichen Preisen von 500 EUR oder sogar 2.000 EUR.?

Ha! 2000 Euro? Da muss ein einfacher Sparkassenangestellter ja fast einen Monat für arbeiten! Weidemann soll damals 200.000 Mark für den DB Keks gekriegt haben, davon dann wohl ein Prozent für die Arbeit und den Rest als Schmerzensgeld für die unzähligen Präsentationen, Korrekturen, Wiedervorlagen, Argumentationen und Reinzeichnungen während der zwei Jahre, die sowas in einem Staatsunternehmen eben dauert.

?Warum sind unsere Preise so niedrig? Unsere Grafiker arbeiten auf Auftrag von zu Hause aus. Unsere Dienstleistungen basieren auf einer Kommunikation über elektronische Medien zwischen Kunden und Designer: E-Mail, SMS, Chat, Internet.Zudem arbeiten alle Grafiker in wirtschaftlich günstig gelegenen Regionen.?

Na also. Erstens sitzen die sowieso den ganzen Tag zum Chatten am Computer, dann können sie auch nebenbei mal ein paar Logos machen. Zweitens liegen die genannten Regionen offenbar im Ostblock, wo der Euro noch eine harte Währung ist, wo man Software mal schnell klaut und wo Urheberrechte so hoch im Kurs sind wie der Rubel, wo aber jeder Schachgroßmeister ist und programmieren kann. Auf, ihr Auftraggeber, die ihr vor lauter Lohnnebenkosten nicht mehr aus dem Stöhnen kommt: Endlich kann man neben Call Centern eine weitere Dienstleistung an Leute auslagern, die kaum Deutsch können. Das spart Geld und lästige Diskussionen. Bei Nichtgefallen bestellt man einfach schnell noch ein halbes Dutzend Logos. Daran arbeiten dann bis zu 30 Grafiker, das schafft Arbeitsplätze, wenn auch weit weg. Wir müssen global denken!

form condensed, 4

Aus meiner regelmäßigen Kolumne in der form.

Von Hauptkreativoffizieren und Gestaltungsdirektoren Inhaltslose Titel und überflüssige Hierarchien



Von Hauptkreativoffizieren und Gestaltungsdirektoren

Eine Untersuchung über die wirtschaftliche Situation unseres Berufes in den USA benannte für die Tätigkeiten in einem durchschnittlichen Designbetrieb sechs Hierarchien: Eigentümer/Partner/Geschäftsführer; Creative/Design Director; Art Director; Senior Designer; Designer; Junior Designer. Diese sehr vernünftige und nachvollziehbare Aufzählung erregte Interesse in den Online-Foren und Weblogs und aus großen Agenturen kamen Listen mit 18 Hierarchie-Ebenen alleine im Designbereich ? vom Junior Designer über den Copywriter und den Media Designer zum Chief Creative Officer. Nicht nur sind die Bezeichnungen inflationär und damit zunehmend sinnleer, auffällig ist vor allem der inhaltliche Widerspruch: Einige der Bezeichnungen geben an, wo die Leute in der Hackordnung der Agentur stehen, andere beschreiben, was sie dort machen. Mal sind es Titel, mal Rollen, mal Berufsbezeichnungen.

Nun haben wir in dieser Kolumne gelernt, dass unsaubere Sprache der Ausdruck unklaren Denkens ist. Was also bringt die Agenturen dazu, solche unausgegorenen Konzepte umzusetzen? Der Ehrgeiz der Mitarbeiter? Was aber machen Gestalter, die nach einiger Zeit zum Design Director aufgestiegen sind? Inhaber können sie nicht werden, und angestellte Geschäftsführer sind selten Designer. Um ein Dutzend Hierarchien abzubilden, müssen mindestens dreimal soviele Leute dort arbeiten. Kleine Büros täuschen dann auch gerne Größe vor, indem sie jedem Praktikanten einen Titel geben (wie wär?s mit Research Assistant?), die Putzperson wird dann zum Vice President of Recycling Operations. Englisch muss es sowieso sein, denn wer wollte schonHauptgestaltungsoffizier werden? Chief Design Officer klingt besser, zumindest für ahnungslose Hauptschüler.

Neben der Eitelkeit der Designer sind es angeblich die Auftraggeber, die solche Titel wollen, damit sie nicht mit einem einfachen Designer telefonieren müssen, wenn es einen Design Director gibt. Der wird dafür bezahlt, den Inhalt des Gespräches an die nächste Ebene weiter zu geben, wo die Arbeit gemacht wird. In der richtigen Welt allerdings werden Teams nicht von den Leuten mit dem höchsten Titel dominiert, sondern von denen, die den Respekt ihrer Kollegen haben. Jedoch haben gerade intakte Teams die Tendenz, nur neue Leute aufzunehmen, deren Fähigkeiten unter dem Schnitt der Gruppe liegen: Nach ein, zwei Jahren sind dann zwar alle zu irgendeiner Art von Director aufgestiegen, aber auf Kosten des Gestaltungsniveaus.

Auch bei Designern gilt das Peter*-Prinzip: Jeder wird zur höchsten Stufe seiner Kompetenz befördert und von dort solange weiter, bis Inkompetenz erreicht ist. Dort bleibt man dann.

* Nach Laurence Johnston Peter (1919?1990).

(The theory that employees within an organization will advance to their highest level of competence and then be promoted to and remain at a level at which they are incompetent.)