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Spiekerblog
 

22. 03. 04

typografie, die spröde geliebte

Wir sind immer noch auf Typografie angewiesen. Wenn es darum geht, unscharfe Ein­drücke in Infor­ma­tio­nen zu wan­deln und daraus – Ver­ste­hen voraus­ge­setzt – Wis­sen zu for­men, ist der Umgang mit Schrift nach wie vor gefordert.
Ein Artikel für die Mitar­beit­erzeitschrift eines großen deutschen Unternehmens, 2001.



Typografie — die spröde Geliebte

Auch unsere Lesege­wohn­heiten sind inzwis­chen vom „Zap­ping“ geprägt. Nicht nur durchs Fernse­hen, auch durch Zeitschriften und Zeitun­gen sprin­gen wir von Ein­druck zu Ein­druck, und was uns nicht inner­halb weniger Sekun­den anspricht, hält uns nicht fest. Manchen Bildern kann man dabei nicht entkom­men, weil Bilder emo­tional wirken – auf den ersten Blick oder nie. Wenn es aber darum geht, unscharfe Ein­drücke in Infor­ma­tio­nen zu wan­deln und daraus – Ver­ste­hen voraus­ge­setzt – Wis­sen zu for­men, sind wir immer noch auf Typografie angewiesen. Typografie, das ist die Insze­nierung einer Mit­teilung in der Fläche, so die kürzeste Def­i­n­i­tion, die ich kenne. Ob Bild­schirm oder die Mag­a­zin­seite, ob Lese­text oder Web­seite mit ani­mierten Zeilen – typografis­che Kri­te­rien bes­tim­men das Zusam­men­spiel der Elemente.

Spröde ist Typografie, weil sie am besten ist, wenn nie­mand sie wahrn­immt. Keinen Preis gewin­nen Gestal­ter, wenn sie hin­ter der Mit­teilung zurück­bleiben und ihren Dienst am Leser beschei­den wahrnehmen. Nun muss sich diese Zurück­hal­tung nicht in lang­weili­gen, grauen Tex­twüsten äussern, wie wir sie immer noch aus Pub­lika­tio­nen ken­nen, die vorgeben, objek­tiv und ser­iös zu sein. Beson­ders Wis­senschaftler und Inge­nieure hegen großen Arg­wohn gegenüber jeder Gestal­tung, die als solche erkennbar ist. Ser­iös muss aber nicht lang­weilig sein, und Häßlichkeit verkauft sich schlecht. Ander­er­seits gibt es viel Gestal­tung, die sich vor allem damit befasst, die Fähigkeiten des Gestal­ters am Com­puter darzustellen und dabei weder dem Inhalt noch den Erwartun­gen der Leser gerecht wird.

Die gute Nachricht ist, dass den Autoren, die zum Lachen in den Keller gehen und diese Ein­stel­lung auf die Gestal­tung ihrer Druck­sachen übertra­gen, über kurz oder lang die Leser weg­bleiben. Gerechter­weise geschieht das auch den grafis­chen Pausen­clowns, die jede Mode mit­machen. Sie brechen Regeln, die sie nie gel­ernt haben, und sich dabei keinen Deut scheren um Kommunikation.

Natür­lich ist es nötig, die Gültigkeit der alten Regeln immer wieder zu hin­ter­fra­gen. Erstaunlich ist jedoch, dass bei aller Bewe­gung, die in unsere Medien – tech­nisch und inhaltlich – gekom­men ist, die typografis­chen Regeln fast intakt überlebt haben. In fünfhun­dert Jahren haben wir Gewohn­heiten entwick­elt, die auch der Bild­schirm nicht ignori­eren kann. Schriften sehen immer noch so aus wie früher, zumin­d­est für das ungeübte Auge. Der Freiraum für Schrif­ten­twer­fer ist klein, weil wir jede Überschre­itung der Kon­ven­tion sofort als Irri­ta­tion wahrnehmen. Unbe­wußt natür­lich, aber deshalb um so nachdrücklicher.

Die Textschrift dieses Mag­a­zins ist zum Beispiel ger­ade zehn Jahre alt, und die Head­line­type noch keine fünf. Beide drän­gen sich nicht in den Vorder­grund, wirken aber frisch und unver­braucht. Sie ver­lei­hen dem Mag­a­zin seine Per­sön­lichkeit. Diese Per­son kommt nicht nackt daher, son­dern klei­det sich in ein Lay­out. Die Seit­engestal­tung macht sie unver­wech­sel­bar, aber nicht albern oder selb­st­ge­fäl­lig. Wie ein Unternehmen muss auch eine Zeitschrift einen unver­wech­sel­baren Charak­ter haben, eine Iden­tität. Typografie ist das Handw­erk, dass diese Iden­tität sicht­bar macht.

Immer wieder werde ich gefragt, ob denn Typografie eine Zukunft habe, wo doch immer mehr Bilder auf uns ein­stür­men, keiner mehr lange Texte lesen will und alles bewegt sein muss. Wer­den wir nicht bald nur noch Pik­togramme lesen und kleine Filme sehen? Abge­se­hen davon, dass es noch nie so viele Bücher und Zeitschriften gab und dass wir auch am Bild­schirm vor allem Schrift lesen, ist genau diese Bilder­flut der Grund dafür, dass wir uns doch am lieb­sten auf das geschriebene Wort verlassen.

Das einzige, was sich wirk­lich geän­dert hat in den let­zten Jahren ist die Tat­sache, dass heute tech­nisch alles möglich ist. Kein Gestal­ter kann sich mehr rausre­den mit der Entschuldigung, etwas wäre nicht zu real­isieren. Wir haben Zugriff auf alle Bilder, die es je gegeben hat und kön­nen neue schaf­fen, die kein Auge je gese­hen hat. Zu den 30.000 erhältlichen Schriften kom­men
täglich neue hinzu. Was wir gestal­ten, kön­nen wir sekun­den­schnell mit
atem­ber­auben­der Genauigkeit visu­al­isieren und in alle Welt versenden.

Schrift ist das Kleid der Sprache. Solange wir nicht auf Grun­zen und Gurgeln zurück­fallen als Mit­tel men­schlicher Ver­ständi­gung, solange brauchen wir Schrift und Typografie, alle Nuan­cen darzustellen, derer wir fähig sind.

 

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