Mr. Univers

adrian80.jpgAm 24. Mai wurde Adrian Frutiger 80 Jahre alt. Für die schweizer Zeitschrift Hoch­parterre habe ich aus diesem Anlass einen Text geschrieben:


Adrian Frutiger: Mr. Univers

Wenn man, wie ich, in einem Alter ist, in dem man einiges hin­ter sich hat, wird man oft gefragt, welche Vor­bilder man hatte und hat. Die Antwort kann man sich leicht machen und auf Men­schen ver­weisen, die auf den inter­na­tionalen und nationalen Helden­lis­ten ganz oben ste­hen, wie Gandhi oder Albert Schweitzer. Beliebt sind auch die eige­nen Eltern, zumin­d­est solange sie noch leben und solche Äußerun­gen lesen kön­nen. Für mich ist das seit über 30 Jahren ganz ein­fach: 1976 lernte ich Adrian Frutiger ken­nen. Mein Held ist er heute noch.

Der Kol­lege Adrian
Er war ein Kol­lege unter Kol­le­gen, gab Rat, disku­tierte, hörte zu und hatte Zeit für Fra­gen, die ein Anfänger wie ich kaum for­mulieren kon­nte. Im Rah­men der jährlichen ATypI Ver­samm­lun­gen, die damals noch recht kleine Ver­anstal­tun­gen waren, trafen sich Schrif­ten­twer­fer, die sich alle untere­inan­der kan­nten. Die meis­ten waren mit einem Her­steller ver­bun­den, der sowohl die Set­zgeräte als auch die dazuge­hören­den Schriften anbot. Also waren die Entwer­fer eigentlich Konkur­renten, untere­inan­der jedoch herrschte fre­und­schaftlicher Umgang, wie immer, wenn sich Fach­leute tre­f­fen, die in einem so über­schaubaren Feld arbeiten, wie es das Schriftschaf­fen damals war.

Wir trafen uns wenig später im pri­vaten Rah­men bei Wal­ter Greis­ner wieder, sein­erzeit Chef der D. Stem­pel AG, der Schrift­gießerei inner­halb der Lino­type Gruppe. In dieser kleinen Welt der Schriftschaf­fenden gab es keine Dünkel, und als Fre­und des Hauses durfte ich meinen Held gle­ich beim Vor­na­men nen­nen. Ich war kaum 30 und hatte noch keine eigene Schrift ent­wor­fen, war aber nach der Bekan­ntschaft mit Adrian überzeugt es ver­suchen zu müssen.

Univers 1957
Frutiger hatte ger­ade eine nach ihm benan­nte Schrift bei Lino­type her­aus­ge­bracht, die er ursprünglich für das Leit­sys­tem des Flughafens Roissy (heute Charles de Gaulle) entwick­elt hatte. Fast zwanzig Jahre vorher, 1957, war seine Univers veröf­fentlicht wor­den, bei Deberny & Peignot in Paris. Im gle­ichen Jahr übri­gens, in dem die Cit­roen DS vorgestellt wurde – ein ähn­lich radikaler Entwurf. Auch die Hel­vetica erschien zu dieser Zeit. Sie war als kom­merzielle Antwort gedacht auf den Erfolg der deutschen Akzi­denz Grotesk, die von den schweizer Gestal­tern wegen ihrer neu­tralen Robus­theit geschätzt wurde. Die Neue Haas Grotesk, wie die Hel­vetica anfänglich hiess, kam aus München­stein bei Basel und wurde entwick­elt als Ver­vol­lkomm­nung (oder Vere­in­fachung, wenn man so will) beste­hen­der Schriften. Die Univers hinge­gen war von Anfang an neu gedacht: als Sys­tem von einan­der ergänzen­den Fet­ten und Weiten, die eine Fam­i­lie mit 21 Schnit­ten bilde­ten. Dieses unglaubliche Pro­jekt, für das zig­tausende Stahlstem­pel graviert wer­den mussten (jedes Zeichen in jeder Schrift­grösse), war aus­gedacht und ange­fan­gen von einem Schrif­ten­twer­fer aus dem Berner Ober­land, der, nicht ein­mal 30 Jahre alt, in Paris bei seinem ersten Arbeit­ge­ber bere­its freie Hand für diese Riese­nauf­gabe bekom­men hatte.

Dieses rev­o­lu­tionäre Schrift­pro­jekt brachte frischen Wind zunächst in die Schweizer Szene. Damals gab es Gestal­tungs­frak­tio­nen, die nicht nur Städten und Hochschulen zuzuord­nen waren, son­dern auch ihrer Treue einer Schrift gegenüber. Bald also existierte neben den Akzidenz-Grotesk-Anhängern auch eine Univers-Fraktion, von der Helvetica-Gemeinde ganz zu schweigen. Jede Schrift bringt einen eige­nen Gestal­tungskanon mit sich, also war für viele Gestal­ter die Wahl der Schrift gle­ich­sam eine Rich­tungsentschei­dung. Es gab sein­erzeit recht wenig Auswahl an Schriften, denn ausser an Set­zsys­teme war die Wahl auch an die jew­eilige Druck­erei gebunden.

München 1972
Im Aus­land wurde die Univers nicht so schnell angenom­men wie ihre schweiz­erische Halb­schwester Hel­vetica. Aber spätestens zur Olympiade in München 1972 wurde sie schla­gar­tig allen Gestal­tern weltweit bekannt. Otl Aicher hatte mit seinem Team ein Erschei­n­ungs­bild entwick­elt, in dem die Univers eine zen­trale Rolle spielte. Leichte, fre­undliche Far­ben und ein präziser, aber flex­i­bler Raster ver­halfen der Schrift zu einem einzi­gar­ti­gen Auftritt.

Leit­sys­tem Roissy
Zu dieser Zeit war Frutiger bere­its mit dem Pro­jekt Roissy beschäftigt. Inzwis­chen hatte er zwanzig Jahre Erfahrung als Schrif­ten­twer­fer und sich nach dem Bleisatz auch mit dem Foto­satz und frühen dig­i­talen Satzmeth­o­den befasst. Er selbst kan­nte die Schwächen der Univers, wenn es um den Ein­satz für Leit­sys­teme ging, die anderen Geset­zmäs­sigkeiten unter­wor­fen sind als Lese­texte auf Papier. Auch wenn heute noch Flughäfen und Bahn­höfe mit Schildern in Univers verse­hen wer­den, hatte Frutiger bere­its damals erkannt, dass ein ganz anderer Schrift­typ nötig war. In einem Gespräch sagte er mir Anfang der 90er Jahre, dass die Univers nicht für „Sig­naletik“ geeignet sei. Damals hat­ten wir für das Leit­sys­tem der Berliner Verkehrs­be­triebe eine schmale Ver­sion der Frutiger gesucht, die es jedoch noch nicht in dig­i­taler Form gab. Also mussten wir sel­ber Aus­drucke der Schrift dig­i­tal­isieren und einige einge­brachte Änderun­gen vom Entwer­fer des Orig­i­nals abseg­nen lassen. Wir hat­ten dabei auch eine echte Kur­sive geze­ich­net, weil der typ­is­che Frutiger­sche schräge Schnitt nicht genü­gend Unter­schei­dung bot für die Mit­teilun­gen auf den Schildern in der U-Bahn. Adrian kom­men­tierte die Entwürfe, die ich zeigte mit einem „Das ist nicht schlecht, aber ich hätte das nicht so gemacht“: Freib­rief und Kri­tik in einem Satz. Er selbst hatte für seine ser­ifen­losen Schriften aus grund­sät­zlichen Über­legun­gen nie kur­sive For­men in der Tra­di­tion der Anti­qua geze­ich­net, son­dern immer nur geneigte Ver­sio­nen der ger­adeste­hen­den Schnitte. Bei der Neuau­flage unter dem Namen Frutiger Next hat er sich dann doch überzeu­gen lassen von den Anforderun­gen des Mark­tes und eine echte Kur­sive zuge­lassen, die unserer Tran­sit Kur­siv von 1991 recht ähn­lich sieht.

Sys­tem mit Gefühl
Ich kenne keinen anderen Schrif­ten­twer­fer, der soviel gestal­ter­isches Gefühl mit einem sys­temis­chen Ansatz vere­int. Frutigers Schriften sind immer geplant, sehen aber nie so aus. Er hat Zahlen­mod­elle entwick­elt für Strich­stärken­ver­hält­nisse und Bre­it­en­pro­por­tio­nen, aber nie a pri­ori per Gle­ichung oder Inter­po­la­tion, son­dern immer nach seinem untrüglichen Gefühl für das richtige Mass. Kein Entwurf ist je mit dem Anspruch ange­treten Best­seller oder Klas­siker zu wer­den, son­dern immer mit dem Blick auf die gestellte Auf­gabe, die meis­tens vom Auf­tragge­ber kam und nur gele­gentlich aus dem Willen, sich an einem beson­deren Typus zu ver­suchen. Adrian Frutiger hat schon vor vie­len Jahren entsch­ieden, dass er zu jeder Schriftk­las­si­fika­tion seinen Beitrag geleis­tet hat und sich nur noch wieder­holen kön­nte. Gut, dass er sich wenig­stens hat überre­den lassen, die neuen Aus­gaben seiner vie­len Klas­siker gestal­ter­isch zu begleiten, denn die heutige Tech­nik erlaubt alle Fein­heiten, die sein­erzeit nicht real­isier­bar waren.

Wer sich an einer Schrift ver­suchen will, sollte wis­sen, dass wir nicht die schwarzen Striche gestal­ten, son­dern den weis­sen Raum dazwis­chen. Adrian Frutigers Meth­ode, mit der Schere aus schwarzem Papier For­men zu schnei­den und diese dann zu Buch­staben und Zeichen zusam­men­zuset­zen, geht nach seinem eige­nen Beken­nt­nis auf die Tra­di­tion seiner Heimat Inter­laken zurück. Sie hat ihm das beste Werkzeug an die Hand gegeben, sein untrügliches Gefühl für Innen– und Aussen­form, für Rhyth­mus, Kon­trast, Span­nung und Regelmäs­sigkeiten in For­men umzuset­zen, die mehr sind als alphanu­merische Zeichen.

Was ist die beste Schrift der Welt für das lateinis­che Alpha­bet? Natür­lich die Frutiger. Sie verbindet das Tal­ent eines beschei­de­nen Gestal­ters, der sich über fün­fzig Jahre lang in den Dienst dieser kleinen Zeichen gestellt hat, mit dem Wis­sen und der Erfahrung aus allen Tech­niken, die seit­dem gekom­men und gegan­gen sind. Gut, dass diese Schrift, die er unter dem Namen Con­corde ange­fan­gen hatte, heute seinen Namen trägt. Damit steht er neben Gara­mond, Caslon, Bodoni, Gill und den anderen Schrif­ten­twer­fern, die ihre Epoche in Buch­staben aus­ge­drückt und fest­ge­hal­ten haben.

Ihm ist diese Verehrung wahrschein­lich schreck­lich peinlich.

4 comments

  1. Georg

    Sehr schöne Text. Vie­len Dank! Was ich gerne von Ihnen wis­sen möchte ist, was die Frutiger über die Univers stellt? Ger­ade weil die Univers uni­verseller ein­set­zbar ist, steht sie meiner Mei­n­ung nach über der Frutiger.

  2. Ich halte die Frutiger für uni­verseller ein­set­zbar. Aber besser sagt es ein zitat von Adrian Frutiger selbst:

    Mein Meis­ter­stück ist die Univers, aber meine Lieblingss­chrift bleibt ehrlich gesagt die orig­i­nale Frutiger. Wahrschein­lich ist es die Schrift, die in der Mitte der Schriften­land­schaft steht. Es ist wie ein Nagel, der eingeschla­gen wird, an den man alles anbinden kann. Sie entspricht am ehesten meinem inneren Bild, ver­gle­ich­bar mit dem, was ich auch bei den Werken meines lieb­sten Kün­stlers Con­stan­tin Brân­cusi empfinde. Die Frutiger ist wirk­lich eine Schrift, die schön ist, die singt.

    Das ist aus dem Buch über sein Lebenswerk, das Ende 2008 erscheinen wird.

  3. Svea Lange

    Vie­len Dank für diese Artikel!

    Der Dank kommt zwar mehr als zwei Jahre später, aber ich denke, besser spät als nie.

    Ich beschäftige mich im Moment auf­grund meines Studi­ums mit Adrian Frutiger und seinen Schriften und dieser Artikel hat mir einen wun­der­baren und per­sön­lichen Ein­blick über seine Per­son ermöglicht.
    Vie­len Dank!

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