decoration
Spiekerblog
 

04. 12. 04

form condensed, 5

Aus meiner regelmäßi­gen Kolumne in der form.
Wer braucht noch Grafiker, wenn man fer­tige Logos für ein paar Euros von einer Web­site kaufen kann?



Logos to go.

Endlich gibt es Kol­le­gen, die mit dem Mythos aufräu­men, die Gestal­tung von Logos und ähnlicher Kle­in­grafik wäre der Auf­takt für einen aufwändi­gen Prozess, in dem sich das Unternehmen erst selbst finden muss, bevor es mith­ilfe seiner Unternehmens-, Verhaltens-, Werbe– und Design-Berater zur Krö­nung des Cor­po­rate Design kommt: dem Logo.

Ich zitiere von einer Website:

?Wir stellen Ihnen bis zu 5 ver­schiedene Grafiker für Ihr Pro­jekt zur Ver­fü­gung, um eine größt­mögliche Vielfalt von Entwür­fen zu erhal­ten. Wir bieten Ihnen hier­mit das Neude­sign eines Logos an, das von min­destens 3 ver­schiede­nen Grafik­ern ent­wor­fen wird, um nur 199.- EUR.?

Na also: wenn 1 Grafiker ein schlechtes Logo macht, dann schaf­fen 5 Grafiker 5 schlechte Logos. Für das Geld kann man ja heute kaum richtig gut essen gehen, was bes­timmt nicht soviel Spass macht wie Entwürfe ver­reis­sen. Da kann sich eine ganze Wer­be­abteilung bes­timmt einen Nach­mit­tag lang dran erfreuen. Aber es geht weiter:

?Das ist ein einzi­gar­tiges Ange­bot und liegt deut­lich unter den branchenüblichen Preisen von 500 EUR oder sogar 2.000 EUR.?

Ha! 2000 Euro? Da muss ein ein­facher Sparkasse­nangestell­ter ja fast einen Monat für arbeiten! Wei­de­mann soll damals 200.000 Mark für den DB Keks gekriegt haben, davon dann wohl ein Prozent für die Arbeit und den Rest als Schmerzens­geld für die unzäh­li­gen Präsen­ta­tio­nen, Kor­rek­turen, Wieder­vor­la­gen, Argu­men­ta­tio­nen und Reinze­ich­nun­gen während der zwei Jahre, die sowas in einem Staat­sun­ternehmen eben dauert.

?Warum sind unsere Preise so niedrig? Unsere Grafiker arbeiten auf Auf­trag von zu Hause aus. Unsere Dien­stleis­tun­gen basieren auf einer Kom­mu­nika­tion über elek­tro­n­is­che Medien zwis­chen Kun­den und Designer: E-Mail, SMS, Chat, Internet.Zudem arbeiten alle Grafiker in wirtschaftlich gün­stig gele­ge­nen Regionen.?

Na also. Erstens sitzen die sowieso den ganzen Tag zum Chat­ten am Com­puter, dann kön­nen sie auch neben­bei mal ein paar Logos machen. Zweit­ens liegen die genan­nten Regio­nen offen­bar im Ost­block, wo der Euro noch eine harte Währung ist, wo man Soft­ware mal schnell klaut und wo Urhe­ber­rechte so hoch im Kurs sind wie der Rubel, wo aber jeder Schachgroßmeis­ter ist und pro­gram­mieren kann. Auf, ihr Auf­tragge­ber, die ihr vor lauter Lohn­nebenkosten nicht mehr aus dem Stöh­nen kommt: Endlich kann man neben Call Cen­tern eine weit­ere Dien­stleis­tung an Leute aus­lagern, die kaum Deutsch kön­nen. Das spart Geld und lästige Diskus­sio­nen. Bei Nicht­ge­fallen bestellt man ein­fach schnell noch ein halbes Dutzend Logos. Daran arbeiten dann bis zu 30 Grafiker, das schafft Arbeit­splätze, wenn auch weit weg. Wir müssen global denken!

 

Comments are closed.

© Erik Spiekermann | Spiekerblog is proudly powered by WordPress.