decoration
Spiekerblog
 

22. 03. 04

form condensed, 3.

Aus meiner regelmäßi­gen Kolumne in der form.
An ihren Klam­ot­ten sollt ihr sie erkennen



An ihren Klam­ot­ten sollt ihr sie erkennen.

Neulich in der Frank­furter Paulskirche, beim 50-jährigen Jubiläum des Rates für For­mge­bung: Dem Anlass entsprechend feier­lich gek­lei­det das Pub­likum. Leicht zu unter­schei­den zwis­chen denen, die Design ausüben und anderen, die Design beauf­tra­gen, beschreiben oder ver­wal­ten. Die tat­säch­liche oder gewollte Nähe zum Gestal­tungs­beruf liess sich an der Abwe­sen­heit der Man­neszierde erken­nen. Die „echten“ Designer tru­gen näm­lich keine Schlipse.

Was sagt uns das? Zum einen wohl, dass die Damen es ein­facher und schw­erer zugle­ich haben. Ihnen reicht es nicht, lediglich die Krawatte daheim zu lassen um kreative Herkunft zu sig­nal­isieren. Zum andern, dass Paul Klee wohl recht hatte mit seinem Dik­tum „Nur der Schein trügt nicht.“ Wie man sich darstellt, so wird man eben gese­hen. Die Auf­tragge­ber wollen uns immer noch als ander­sar­tige Spin­ner einord­nen, denen man den Bruch der Klei­derord­nung schon als kreativen Akt anrech­net. Dabei ist es doch meis­tens ein­fach Faul­heit, auf das Binden der Krawatte und die tägliche Rasur zu verzichten.

Erstaunlich ist, dass diese kleine Ver­weigerung schon reicht, einen ganzen Beruf­s­stand zu kennze­ich­nen. Vor eini­gen Jahrzehn­ten musste sich ein Grafiker zum Beispiel noch durch das Tra­gen eines weis­sen und eines schwarzen Schuhs her­vorheben. Ich möchte wet­ten, dass der Kol­lege diesen Gag heute täglich ver­flucht, nicht nur beim Schuhkauf. In vie­len Köpfen reduziert der damals orig­inelle Ein­fall ihn näm­lich auf eben jene Fuss­bek­lei­dung, anstatt auf seine Arbeit, die alleine bei weitem reichen würde, ihn von anderen Grafik­ern zu unterscheiden.

Der Kol­lege mit dem ital­ienis­chen Namen wird beson­ders im Som­mer den Ein­fall ver­fluchen, immer in dicken Strick­pullovern herumzu­laufen, zumal die weis­sen Hosen dazu ihn immer wie einen mar­itim ori­en­tierten Tep­pichverkäufer ausse­hen lassen. Ausser­dem braucht er diese Verklei­dung eigentlich nicht, weil man seine Seifen­stücke sowieso gle­ich erkennt.

Ander­er­seits sind frei­willige Uni­formierun­gen ganz prak­tisch, auf bei­den Seiten. Gestreifte Krawat­ten zum dunkel­blauen Blazer beim Auf­tragge­ber sind deut­liche Hin­weise für die Schrift­wahl: Feine Ser­ifen und wohler­zo­gene Mit­telachse. Und der Architekt im engen Ulmer Rol­lkra­gen lässt nur kleingeschriebene Rotis an sein Papier, obwohl er selbst Gross­buch­staben schreibt. Der Button-Down Kra­gen am Oxford Hemd weist auf angloamerikanis­che Vor­lieben hin in der Tra­di­tion von David Ogilvy; da hilft meist ein Punkt nach jedem Wort. So.

Dicke Taucheruhren und fette Füller sind zwar völ­lig unprak­tisch und viel zu teuer, lassen aber sofort an den Besuch einer kali­for­nischen Design­schule denken und brin­gen einen ganzen Kos­mos an Bedeu­tun­gen mit sich. Selbst schwere schwarze Horn­brillen sind wieder in Mode. Sie sollen wohl andeuten, dass sich der Träger die Augen beim vie­len Lesen ver­dor­ben hat. Oft wird der Ein­druck des leicht welt­frem­den und an der bösen Real­ität gescheit­erten Kreativen unter­stützt durch ein Zick­en­bärtchen, das ein leichter Fahrtwind ohne Spuren weg­we­hen würde. Dazu müsste der blasse Designer aber an die Luft, wo ihn seine coolen, luft­ge­pol­sterten Lauf­schuhe so schnell beschle­u­ni­gen wür­den, dass er zum näch­sten Ter­min bes­timmt zu früh käme. Was schlimm wäre, denn die Achtung einer solch alt­modis­chen Sekundär­tu­gend wie Pünk­tlichkeit kann für einen Designer fast ehren­rührig sein.

 

Comments are closed.

© Erik Spiekermann | Spiekerblog is proudly powered by WordPress.