Farbleitsysteme

Performance ist das Kundenmagazin von BASF Flooring. EIn Interview über Leitsystem im Wortlaut:
Brotkrumen im Schilderwald.

Er wurde erst kürzlich mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk ausgezeichnet – zu Recht, denn seine Entwürfe für Schrifttypen und Symbole prägen ein Stück weit das Gesicht unseres Landes. Beispielsweise, wenn er das Erscheinungsbild der Deutschen Bahn aufpoliert oder uns allabendlich in den heute-Nachrichten im ZDF mit aufschlussreichen Piktogrammen komplizierte Sachverhalte erschließt. Erik Spiekermann gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Typografie. Doch neben dieser Leidenschaft beschäftigt er sich auch mit Leit- und Informationssystemen, die die Orientierung innerhalb räumlicher Strukturen erleichtern bzw. ermöglichen.
Performance sprach mit dem Informationsdesigner über Architektur und Orientierung.


performance: Welches Verhältnis haben Sie zu Architekten?

Erik Spiekermann: Als Architekturhistoriker habe ich ein sehr intensives Verhältnis. So weiß ich zum Beispiel, dass sie notorische Besserwisser sind. Ihr Verhältnis zu Grafikdesign ist in etwa so wie das eines Chefarztes zu einem Heilpraktiker. (lacht) Allerdings muss ein Architekt auch wirklich viel lernen, mehr als wir. Wenn ich für Architekten arbeite, sage ich immer „ihr zahlt nichts, dafür müsst ihr den Mund halten“ oder „ihr müsst richtig viel bezahlen“. Aber ich bin mit sehr vielen befreundet und habe schon selber als Bauherr viele Projekte realisiert.

performance: Sie haben unter anderem die Leitsysteme für die Berliner Verkehrsbetriebe und den Düsseldorfer Flughafen nach dem verheerenden Brand entworfen. Was kann ein Leitsystem leisten?

Spiekermann: Ein aktuelles Projekt zeigt dies ganz schön. Dabei geht es um Leitsysteme für Fußgänger in größeren Städten, aktuell für London. Eigentlich ist es eine Anleitung, wie man als Fußgänger mit einer Stadt umgeht. Das reicht weit über Leitsysteme hinaus und hat auch architektonische Folgen. Die zentrale Frage ist: Wie nimmt man eine Stadt wahr? Die Architekten meinen, es ginge um Gebäude. Die Stadtplaner meinen, es ginge um Straßen. Die Landschaftsarchitekten meinen, es ginge um Grünanlagen und die Designer meinen, es ginge um Leitsysteme. Wir wissen, dass es um alles geht. Es kommt auch darauf an, wer das System nutzt, ob Tourist oder Einwohner. Über Videoaufnahmen und -analysen haben wir beispielsweise nachgewiesen, dass die Leute nicht mit eingenordeten Karten umgehen können. Die Karten werden in die Blickrichtung gedreht. Manche Leute – überwiegend Männer – können das abstrahieren. Doch die meisten Frauen können das nicht und viele Männer auch nicht.

performance: Welche Rolle spielt denn die subjektive Wahrnehmung bei der Gestaltung von Leitsystemen, und wie neutral können sie sein?

Spiekermann: Ein Leitsystem will ja gar nicht unbedingt neutral sein. Neben der Orientierung hat es ja auch einen zweiten Zweck, nämlich eine Marke zu sein. Für den Düsseldorfer Flughafen haben wir dunkelgrüne Schilder verwendet. Aus zwei Gründen. Die ursprüngliche Beschilderung war schwarz auf gelb. Wir wollten im Übergangsstadium deutlich machen, dass diese nun nicht mehr gültig ist. Der zweite Grund war, dass es keinen anderen Flughafen in der Umgebung mit grünen Schildern gibt. Das war also eine Markenfrage. Man ist gut beraten, wenn der Absender eines Leitsystems erkennbar wird. In London beispielsweise sieht man anhand der Schrift und der Gestaltung, dass das Leitsystem von einer offiziellen Instanz kommt, die Ahnung hat und sich kümmert. Das schafft Vertrauen.

performance: Gibt es Grenzen, ab wann die Orientierung inner-halb eines Gebäudes ohne Leitsystem nicht mehr möglich ist? Kennen Sie ein gutes Beispiel?

Spiekermann: Na ja, das ist ja ein altes Streitthema. Architekten wollen ja nie ein Leitsystem. Sie wollen, wenn es hochkommt, die Türen nummerieren. Orientierung innerhalb eines Gebäudes funktioniert unter anderem durch den Bezug nach draußen. Dann kann man sich am Sonnenstand oder an umliegenden Gebäuden orientieren. Das ist aber nicht immer der Fall. Auch die Gebäudegeometrie spielt eine Rolle. Wenn man weiß, man ist in einem runden, einem quadratischen oder einem kreuzförmigen Gebäude, kann man sich zurechtfinden.Der Flughafen Tempelhof in Berlin ist ein Halbkreis. Da benötigt man nur die Information, wo man sich befindet – also ein Informationssystem.

performance: Sollten Architekten und Informationsdesigner enger kooperieren?

Spiekermann: Schön wäre es, wenn Architekten Leitsysteme von vornherein integrieren und die Schilder nicht im Nachhinein auf die Architektur aufgepappt werden müssen. Es gibt einfach Situationen und Gebäude, da ist die Information für den Nutzer vorrangig vor der architektonischen Gestaltungsidee. Dieser Konflikt ließe sich aber vermeiden. Ein guter Architekt redet vorher mit den Leuten, die involviert sind.

performance: Kann unabhängig von Schildern auch eine farbige Gestaltung von Räumen und Oberflächen zur Orientierung beitragen?

Spiekermann: Natürlich. Gerade wenn die Architektur keine Anhaltspunkte bietet, beispielsweise in Parkhäusern oder in Bürogebäuden, in denen die Verkehrsflächen in jeder Etage gleich sind, merkt man sich eher eine Farbe als die Geschossnummer. Andererseits können die Menschen sich auch nicht mehr als vier, fünf Farben merken.

performance: Welche Rolle kann ein farbig gestalteter Boden in diesem Zusammenhang spielen?

Spiekermann: Böden und Decken sind bisher völlig unterbewertet. Wir gucken beim Gehen auf den Boden, daher liegt es auf der Hand. Menschen verstehen eine gut gemachte Farbgestaltung am Boden intuitiv.

performance: Sie haben in Ihrem Leben mehrmals neu angefangen. Was gibt Ihnen Halt und Orientierung?

Spiekermann: Ich bin kein Eigenbrötler und hatte immer das Glück, mit guten Leuten zusammen zu arbeiten. Alleine hätte ich es nicht geschafft.

performance: Wir danken Ihnen für das Gespräch.


Das Kundenmagazin performance von BASF gibt es hierals PDF.

3 comments

  1. pacman

    Hallo Herr Spiekermann,

    können Sie mir sagen, wie man als Designer die Fähigkeit erwirbt, Orientierungssysteme zu entwickeln? Ich interessiere mich schon seit ein paar Jahren für diese Disziplin, kann aber außer ein paar Bücher nichts Informatives finden. Gibt es irgendwelche Weiterbildungen oder gar Studiengänge?

    Ich hoffe Sie haben da einen Tipp für mich.

    Liebe Grüße

  2. Es gibt das Internationale Institut für Informationsdesign IIID in Wien als Anlaufstelle und ansonsten viel Literatur, von der für mich das Buch Wayshowing von Per Mollerup das beste ist. Ansonsten habe ich alles gelernt durchs Hinsehen und Machen.

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