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01. 07. 11

Auftraggeber oder Kunde?

Auf­tragge­ber heißen bei uns so, und nicht Kun­den. Die Auf­tragge­ber haben ihrer­seits Kun­den. Ein Kunde heißt so, weil er weiß, was er will: er ist kundig. Unsere Auf­tragge­ber wis­sen noch nicht genau, was sie wollen, deshalb vergeben sie Aufträge, anstatt etwas Fer­tiges aus der Schublade zu kaufen. Auf Englisch lauten die bei­den Begriffe client und cus­tomer.

Meine Mut­ter sagte immer, dass schlampige Sprache ein Zeichen sei für schlampiges Denken. Lei­der kan­nten die meis­ten Agen­turen meine Mut­ter nicht und nen­nen ihre Auf­tragge­ber immer noch Kunden.

Wohin es führen kann, wenn diese Unter­schei­dung nicht beachtet wird, zeigt dieses Zitat aus einem Inter­view mit einer Agenturchefin:

 

SpiekermannPartners

19 Responses to “Auftraggeber oder Kunde?”:


 

1

Oh wie schade, das sagt aus­gerech­net die Agen­tur, die ich für die Pre­mière von Cre­ative­Morn­ings in Berlin im Kopf hatte. Jetzt muss ich da noch mal drüber nach­denken … zum Glück gibt es 3 Geschäftsführer :)

 

2

Auch Klient wäre eine passende Bezeichnung…

 

3

Inter­est­ing. I agree that the Eng­lish lan­guage is clearer than the Ger­man one: client ver­sus customer.

The Dutch lan­guage has:
“opdracht­gever” or “client”, ver­sus “klant” (the lat­ter is refer­ring to customer)

As a cre­ative agency, maybe some of your clients are “pas­sen­gers” or even “patients” :-)

 

4

Ich bin zwar weder Agen­turchef, noch Auf­tragge­ber oder Kunde – besten­falls Stu­dent. Den Unter­schied werde ich mir aber trotz­dem noch besser ein­prä­gen, nach diesem Zitat …

 

5

Ich habe ger­ade Adrian Schaughnessy’s Buch “How to be a graphic designer…” ins Nieder­ländis­che übersetzt, worin das wort “client” gefühlte 5000 Mal vorkommt. Hätte ich das immer als “opdracht­gever” übersetzt, dan hätte ich die Schrift 0,5pt kleiner machen müssen um den Text ins Lay­out rein­fließen lassen zu kön­nen. Und der Text wäre nicht beque­mer les­bar gewor­den. Also habe ich mich oft für “klant” entsch­ieden. Ich finde, im täglichen inneren Verkehr einer Des­ig­na­gen­tur kann man ein Wort wie “Kunde” prob­lem­los benutzen (der Effizienz hal­ber) wenn man weiß, man meint eigentlich Auf­tragge­ber. Für Mis­sion State­ments wäre “Klient” angemessen (aber ist es in dieser Bedeu­tung aus­re­ichend einge­bürg­ert?). In Hol­land wird “Cliënt” übrigens auch für psy­chi­a­trische Patien­ten benutzt.

 

6

Bei Anwäl­ten und Unternehmens­ber­atern heißen die Auf­tragge­ber Klien­ten, bei Ärzten Patien­ten. Lei­der gelingt es nicht, den inter­nen und den exter­nen Sprachge­brauch zu tren­nen. Wenn ein­mal intern alle „Kunde“ sagen, dann bleibt es auch extern dabei. Deshalb muss ich meine Kol­le­gen immer wieder korrigieren.

Nieder­ländis­che und deutsche Texte sind nun ein­mal länger als englis­che, das muss ein Lay­out berücksichtigen.

 

7

Erik:
> Nieder­ländis­che und deutsche Texte sind nun ein­mal länger als englis­che, das muss ein Lay­out berücksichtigen.

Jein… wenn es so ein­fach wäre… (Bei einer inter­na­tionalen Copro­duk­tion kann man die Sei­t­e­nan­zahl nicht ändern, und in diesem Fall wollte ich auch den Satz verbessern [AG mit –25 bis –40 Buch­staben­ab­stand im Orig­i­nal] und das alles ohne den Entwurf merk­bar zu ändern. Aber egal.)
Klar ist dein Prinzip schön. Aber einige Dutzend Mal “Opdracht­gever” bzw “Auf­tragge­ber” auf einer Dop­pel­seite kann auch ner­ven. Es ist ausser­dem ein Biss­chen wie die Unter­schied zwis­chen “vor­mgev­ing” en “ontwer­pen” im Nieder­ländis­chen: Gestal­ter, die sich sehr ernst nehmen, wollen nicht “vor­mgever” heißen. Aber man wird wirk­lich keine besserer Gestal­ter indem man sagt, dass man entwirft.
Ich bin übrigens dafür, dass alle Kun­den wie Auf­tragge­ber behan­delt wer­den; und da es auch in einer Agen­tur mit sgn. Ide­alen let­z­tendlich auch ums Geld geht, sind Auf­tragge­ber trotz allem auch Kun­den. Habe ich jetzt die Quad­ratur des Zirkels geschafft?

 

8

Beim Rech­nungschreiben wer­den Auf­tragge­ber zu Kun­den. Mir geht es nicht ums Prinzip, nur um Klarheit. Was passiert, wenn man nicht unter­schei­det, sieht man an dem Auss­chnitt aus dem Interview.

Englis­che Gestal­ter wis­sen lei­der nicht, dass es andere Sprachen gibt, die man im Lay­out schon beim Entwurf berück­sichti­gen sollte.

 

9

Vorab möchte ich mich für diesen Artikel bedanken und zugle­ich auf den zweiten Absatz hin­weisen (ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher ob es zu klein­lich sein würde darauf hinzuweisen, aber ich tu es trotzdem ;-)

Mein Mut­ter sagte immer, dass schlampige Sprache ein Zeichen sei für schlampiges Denken. Lei­der kan­nten die meis­ten Agen­turen meine Mut­ter nicht und nen­nen ihre Auf­tragge­ber immer noch Kunden.”

Ist das fehlende “e” bei “Mein(e) Mut­ter” am Satzan­fang absichtlich (nicht) gesetzt? – wenn ja dann hat es meine volle Aufmerk­samkeit bekom­men und sein Ziel nicht verfehlt! ;-)

In diesem Sinne wün­sche weit­er­hin fro­hes Schaffen!

 

10

Danke, Jonas, das habe ich wirk­lich nicht gemerkt. Wahrschein­lich ein klas­sis­cher Fall von Betrieb­s­blind­heit – die eige­nen Fehler sieht man bekan­ntlich nicht.

 

11

Gerne! Das kennt man ja sel­ber, deshalb habe ich lieber nicht geschwiegen.

P.s. und jetzt höre ich aber auch auf damit:
auf http://edenspiekermann.com/en/blog hat sich das “e” eben­falls aus dem Staub gemacht. ;-)

Und verbessern sollte ich mich jetzt auch noch mal:
“In diesem Sinne wün­sche ich weit­er­hin fro­hes Schaffen!”

Her­zliche Grüße. Jonas

 

12

Hallo,

etwas spät, aber:

Lässt sich Kunde wirk­lich so ein­fach von “kundig” ableiten? Meines Wis­sens geht es zurück aus althochdeutsche chundo und meint soviel wie “bekannt” — Kunde ist also jemand, den man kennt (der einem “kund” ist, im Gegen­satz zu einem Frem­den). Und im Bere­ich Beratung spräche das sogar für diese Bezeichnung…

Außer­dem finde ich es nicht so nett, dem Kunden/Auftraggeber zu unter­stellen, er wüsste nicht, was er will: eher dass er es nicht for­mulieren kann und/oder nicht weiß, WIE er es bekommt :-)

Her­zliche Grüße

 

13

Also: bei mir heißt es, dass die Auf­tragge­ber „noch nicht so genau wis­sen, was sie wollen …“. Das ist erhe­blich rel­a­tiviert gegenüber der von dir behaupteten Formulierung.

Die althochdeutsche Ableitung ist natür­lich kor­rekt, „chundo“ kann aber auch bedeuten, dass jemand sich auskennt. Er kann bei mir kundig sein (wir haben das ja noch bei „aktenkundig“), er kann aber auch sel­ber kundig sein. Da sind die Quellen nicht ein­deutig. Kundig heißt also all­ge­mein, dass man sich auskennt und dass man bekannt ist, dass also jemand von einem Kunde hat. Mir geht es aber um die Unter­schei­dung, um die Hier­ar­chie zwis­chen Auf­tragge­bern und deren Kun­den. Englisch sauberer mit Client und Cus­tomer unterschieden.

 

14

sehr schön. werde ich in zukunft bewusster handhaben.

 

15

erik: »Mir geht es aber um die Unter­schei­dung, um die Hier­ar­chie zwis­chen Auf­tragge­bern und deren Kun­den. Englisch sauberer mit Client und Cus­tomer unterschieden.«

Soge­nan­nte „Name­spaces“ sind extrem wichtig und wertvoller als einen eh´ brechend­vollen Textblock zu retten.

Ich habe in den let­zten Jahren in einer sehr ele­gan­ten Open­Source Entwick­ler Com­mu­nity (Das Con­tent Man­age­ment Sys­tem „Plone“) den Wert exak­ter Sprache mit und Par­a­dig­men wie „Con­ven­tion over Con­fig­u­ra­tion“ schätzen gel­ernt. Wenn man sich nicht mehr auf die Kon­ven­tio­nen in der Sprache ver­lassen kann und jeder sich mit den Kon­no­ta­tio­nen zufrieden gibt (die man natür­lich ken­nen darf!) lan­det man schnell in der Beliebigkeit.

Es gibt ein schönes, Kon­fuz­ius zugeschriebenes Zitat, das ich vor eini­gen Jahren bei Erwin Char­gaff in seiner Essay Samm­lung “Ern­ste Fra­gen”, Clett Cotta gefun­den habe:

Thema: „Exak­theit der Sprache“

Wenn die Sprache unrichtig ist, dann entspricht das, was gesagt wird, nicht dem, was gemeint ist; und wenn das, was gesagt wird, nicht dem entspricht, was gemeint ist, kann nicht ins Werk gesetzt wer­den, was getan wer­den muß. Wenn das was getan wer­den muß, nicht ins Werk gesetzt wer­den kann, dann blühen Rit­ual und Musik nicht. Wenn Rit­ual und Musik nicht blühen, wer­den Strafen Ihr Ziel nicht tre­f­fen. Und wenn die Strafen nicht ihr Ziel tre­f­fen, dann wis­sen die Men­schen nicht wo sie Hand und Fuß hin­set­zen sollen. Deshalb benutzt der Edle nur solche Sprache, die dem Sprechen angemessen ist, und spricht nur von dem, das ins Werk zu set­zen angemessen wäre. Der Edle überläßt bei dem, was er sagt, nichts dem Zufall.“ – Konfuzius, aus seinen Gesprächen (Lunyu)

Armin Stross-Radschinski
November 11th, 2011 at 13:15 pm

 

16

Danke, Armin, sehr aufschlussreich.

 

17

da ergeben sich ja jetzt schöné neue Worte für mich:
 – Auf­tragge­ber­ber­atung
 – Auf­tragge­ber­akqui­si­tion
 – Auftraggeberdienst/ –ser­vice
 – Auf­tragge­ber­schutz
 – Auf­tragge­ber­hot­line
 – Auf­tragge­berkun­den
 – …

Ich bevorzuge — nach wie vor — Kunde. Denn von einem Kun­den für ein Ver­brechen habe ich noch nie etwas gelesen.

 

18

Das Wort «Kunde» ist schön ein­fach, aber eben dop­pelt belegt. Unsere Auf­tragge­ber haben Kun­den. Wer kann das unter­schei­den, wenn diese Leute die Kun­den unserer Kun­den sind? Natür­lich gibt es weiter die Kun­den­ber­atung, aber die findet nicht bei uns statt, son­dern in der Sparkasse.

 

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Dann ist der Kunde der let­zte Auf­tragge­ber in der Nahrungs­kette?
Also der “End­ver­braucher”?
Oder sind Auf­tragge­ber, End­ver­braucher, Besteller etc. nicht nur bes­timmte Sichtweisen auf Kun­den?
Zumal ich “Auf­tragge­ber” wesentlich unschär­fer finde. Auf­tragge­ber kann man für alles mögliche sein, selbst für einen Mord. Beim “Kun­den” ist die pro­fes­sionelle Beziehung, um die es let­ztlich geht, schön impliziert.
Wir kön­nen uns die Ent­frem­dung zwar schön reden, mehr aber auch nicht.

 






 

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